Arzt im Interview und erklärt etwas.
Blutphobie

Wenn Blut Angst macht

Menschen mit einer Blutphobie meiden Situationen, in denen sie mit Blut in Kontakt kommen könnten. Diese Angst kann besiegt werden.

▶ Herr Mikoteit, es gibt wohl wenige Menschen, die sich Blut wirklich gerne anschauen. Ab wann sprechen Sie von einem Krankheitsbild?
Thorsten Mikoteit: Von einer Krankheit oder einer Störung sprechen wir dann, wenn Menschen ein sehr starkes Unbehagen oder sogar eine Angst vor Blut, Verletzungen, Spritzen oder medizinischen Eingriffen verspüren. Wenn diese Angst so stark wird, dass Situationen wie ein Impftermin oder eine Blutabnahme aktiv vermieden werden, dann liegt wahrscheinlich eine Blut- oder Spritzenphobie vor. Schon der Gedanke daran, dass sie sich beim Arzt Blut abnehmen lassen müssen, ist für die Betroffenen unerträglich. Rund zwei bis drei Prozent der Bevölkerung leiden unter einer Blut- oder Spritzenphobie.

▶ Mit welchen Symptomen kämpfen Menschen, die unter einer Blut- oder Spritzenphobie leiden?
Den Betroffenen wird schummerig, sie haben Hitzewallungen, und es wird ihnen schlecht. Es kommt im Körper zu einem Blutdruckabfall. Deshalb werden die Betroffenen auch so bleich. Die darauffolgende Ohnmacht infolge eines Blutmangels im Gehirn ist ein Schutzmechanismus des Körpers. Es ist eigentlich eine harmlose Reaktion, abgesehen davon, dass man sich den Kopf anstossen könnte. Aber es ist für die Betroffenen so unangenehm, dass sie diese Erfahrung vermeiden wollen.

▶ Sie haben also nicht eigentlich Angst vor dem Blut, sondern davor, was mit ihnen passiert, wenn sie Blut sehen?
Ja. Menschen, die eine Blutphobie haben, leiden häufig schon in der Kindheit darunter. Das kann auch genetisch bedingt sein. Im Alter von sieben, acht oder neun Jahren haben sie erstmals erlebt, dass ihnen bei einem Arztbesuch schlecht geworden ist. Ein Ereignis, das sich danach ständig wiederholt hat.

▶ Was hat das für Folgen?
Menschen, die aus Angst vor Spritzen oder vor der Blutabnahme den Arztbesuch auslassen, gehen ein Risiko ein. Sie lassen Untersuchungen aus, die wichtig für ihre Gesundheit wären. Es gibt zum Beispiel Menschen, die sich regelmässig Insulin spritzen müssten, dies aber unterlassen. Oder denken Sie an die Gesundheitsberufe: Es gibt Pflegende sowie Ärztinnen oder Ärzte, die eigentlich tolle Fachpersonen wären, aber aufgrund ihrer Angst vor Blut oder Spritzen Mühe haben, ihren Beruf auszuüben.

▶ Kann man die Angst denn überwinden?
Die Prognose ist sehr gut. Drei bis fünf Sitzungen reichen meistens aus, um eine Blutphobie zu überwinden. Begleitet von einer Therapeutin oder einem Therapeuten setzen sich die Betroffenen mit ihrer Angst auseinander. Sie listen auf, in welchen Situationen sie Unbehagen und Angst verspüren, und spielen diese Situationen in der Therapie durch. Man muss sich der Angst gezielt stellen, sonst wird sie immer grösser. Wenn die Betroffenen sich mit ihrem Unbehagen auseinandergesetzt haben, können sie versuchen, sich bewusst einer unangenehmen Situation zu stellen. Sie können sich zum Beispiel in der Hausarztpraxis den Blutzucker messen lassen. Wenn sie die Erfahrung gemacht haben, dass sie mithilfe der Therapie solche Situationen meistern können, wird die Angst überwunden und verschwindet.

▶ Was kann man selbst versuchen?
Man sollte sich nicht schämen und bei anstehen- den Blutentnahmen oder Spritzen die Phobie offen ansprechen. Das Personal ist verständnisvoll. Oft hilft schon, wenn man die Prozedur im Liegen über sich ergehen lässt und sich ablenkt. Ist man aber beruflich regelmässig mit Blut exponiert, sollte man eine Therapie machen.

▶ Gibt es Tricks, um das unangenehme Gefühl rasch zu bekämpfen?
Es kann helfen, in einer unangenehmen Situation bewusst die Muskeln in Armen und Beinen anzuspannen. Man hält die Spannung für rund fünf Sekunden, und lässt die Muskeln dann langsam wieder locker. Dadurch kann einer Ohnmacht, die durch das Absacken des Blutes in die Beine auftritt, entgegengewirkt werden und es lenkt auch ab. Es hilft auch schon, die Beine im Sitzen übereinanderzuschlagen. Ausserdem hilft es, tief und bewusst zu atmen. So kann man verhindern, dass man anfängt zu hyperventilieren.


Über PD Dr. med. Thorsten Mikoteit

Porträtaufnahme eines Arztes.

Die Angst vor Blut kann mit therapeuti­scher Begleitung besiegt werden, erklärt PD Dr. med. Thorsten Mikoteit, Leitender Arzt und stv. Chefarzt der Psychiatrischen Dienste der soH.


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