Arzt und Patientin während einer Untersuchung für die Lymphe.

Lymphe

Die Lymphflüssigkeit: Die Müllabfuhr des Körpers

Die Lymphe hat für unsere Immunabwehr eine wichtige Bedeutung. Zeit, dieses eher unbekannte System kennenzulernen.

Dr. med. univ. Gholam Reza Afarideh ist Angiologe und Leitender Arzt im Gefässzentrum des Bürgerspitals Solothurn. Das Lymphsystem, erklärt er, fungiere einerseits als Müllabfuhr des Körpers. Was nicht mehr gebraucht wird und zu gross ist, um vom Blutkreislauf aufgenommen zu werden, nehmen die Lymphgefässe auf und transportieren es ab. Diese Abfallstoffe, vorwiegend Proteine und Fette, werden dann über die Leber und die Nieren endgültig ausgeschieden. Die Lymphflüssigkeit selbst ist eine wässerige, milchige Flüssigkeit. Bis zu fünf Liter davon produzieren Menschen pro Tag. Sie besteht unter anderem aus Harnstoff, Glucose und verschiedenen Enzymen.

Wächter des Immunsystems

Andererseits spielt das Lymphsystem für unsere Immunabwehr eine wichtige Rolle. Hier kommen die Lymphknoten ins Spiel. Zwischen 600 und 700 davon haben wir im Körper, erklärt Afarideh. Besonders viele am Hals, in den Achselhöhlen, den Leisten und den Kniekehlen. Sie filtern Fremdkörper wie Krebszellen, Bakterien und Viren aus der Lymphe. «Für die Zerstörung dieser Fremdkörper zuständig sind die weissen Blutkörperchen. Die stehen in den Lymphknoten wie Soldaten bereit», so der Angiologe. Die bekanntesten Lymphknoten dürften wohl die Mandeln sein. «Die Mandeln sind wie Wächter für Hals, Nasen und Ohren», erklärt er. «Dort wird alles filtriert und abgebaut.» Die Arbeit der Lymphknoten ist manchmal sogar von aussen sichtbar. Weil sie im Falle einer Erkältung auf Hochtouren funktionieren, können sie leicht anschwellen. Deshalb kann man die Knoten am Hals in diesen Fällen ertasten. Das ist kein Grund zur Sorge, sondern ist ein gutes Zeichen: Es zeigt, dass das Lymphsystem funktioniert. Die Lymphknoten agieren lokal, deshalb sind bei einer Ohrenentzündung die Knoten im Halsbereich, nicht aber unter den Achselhöhlen oder den Leisten aktiv.

Wenn nichts mehr fliesst: Das Lymphödem

In dem komplexen System kann es in seltenen Fällen auch zu Störungen kommen. Nämlich dann, wenn die Lymphflüssigkeit nicht mehr richtig abtransportiert wird und sich im Gewebe staut. Dann entsteht ein Lymphödem, erklärt Afarideh. Es kommt zu einer Schwellung, die schmerzen kann oder die Beweglichkeit einschränkt. Es gibt primäre und sekundäre Formen und Faktoren, die zu einem Lymphödem führen, so Afarideh. «Von primären Faktoren sprechen wir dann, wenn aus genetischen Gründen ein Teil der Lymphknoten und Lymphgefässe ganz oder teilweise fehlt. Das ist – Gott sei Dank – selten, weil dann auch die Immunabwehr geschwächt ist.» Viel häufiger seien sekundäre Faktoren wie Verletzungen oder Operationen, bei denen ein Teil des Lymphsystems beschädigt wird oder entfernt werden muss. Auch Tumore können dem Lymphsystem zusetzen.

Das Lymphödem behandelt man im Gefässzentrum in Solothurn im ersten Schritt mit konservativen Methoden. Mit Massagen wird der Abtransport der Flüssigkeit unterstützt, Kompressionsverbände sollen die Schwellung bekämpfen. Auch Sport, eine gesunde Ernährung, Stressmanagement und eine sorgfältige Hautpflege können gegen den Rückstau der Flüssigkeit im Gewebe oder im Umgang damit helfen. Wenn alles nichts nützt, so Afarideh, werde eine Operation in Betracht gezogen. Dank neuer technologischer Entwicklungen ist es mittlerweile möglich, einzelne Lymphknoten oder Röhrchen des Lymphsystems an die Vene anzuschliessen oder Lymphknoten mit Lymphgefässen zu transplantieren. In Solothurn werden diese Eingriffe seit rund zwei Jahren durchgeführt. Gerade bei Patientinnen und Patienten, deren Lymphsystem durch eine Krebserkrankung beschädigt wurde, sei die Operation ein wichtiger Faktor im Heilungsprozess. «Wenn das Lymphsystem wieder funktioniert, haben sie einen Punkt weniger, um den sie sich sorgen machen müssen», schliesst Afarideh.


Porträt eines Arztes der in die Kamera schaut.

Dr. med. univ. Gholam Reza Afarideh ist Leitender Arzt des Gefässzentrums und Leiter der Angiologie am Bürgerspital Solothurn.


Tumore und das Lymphsystem

Gelegentlich kommt es vor, dass eine Schwellung der Lymphknoten durch eine Krebserkrankung verursacht wird. Krebszellen können in einigen Fällen über die Lymphgefässe in die Lymphknoten wandern. Das ist etwa häufig bei Prostatakrebs der Fall oder bei Brustkrebs, der sich auf die Lymphknoten in den Achselhöhlen ausbreiten kann. Das Lymphsystem selbst kann ebenfalls an einem Tumor erkranken. Diese Krebsarten sind als Lymph-, Lymphdrüsen- oder Lymphknotenkrebs bekannt.


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