Zwei Pflegerinnen schieben einen Patienten im Bett
GENDERMEDIZIN

Anders und doch gleich

Männer werden anders krank als Frauen und Frauen anders gesund als Männer. In vielen Bereichen der Medizin bestehen grosse Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Männer habens schwer. Gerade in der Erkältungszeit müssen sie nebst einer Erkältung sich auch noch hämische Sprüche über Männerschnupfen anhören. Obwohl es tatsächlich Männer gibt, die bei leichten Erkältungen am liebsten eine intensiv­medizinische Betreuung verlangen, soll das nicht darüber hinwegtäuschen, dass alleine schon Grippeerkrankungen bei Männern oft schwerer verlaufen als bei Frauen. An Covid-19 erkranken Frauen zwar auch immer wieder schwer, Männer jedoch etwas mehr. Die exakten Gründe sind noch unbekannt, man geht jedoch davon aus, dass Frauen ein stärkeres Immunsystem haben als Männer. Dieses starke Immunsystem kann bei Frauen wiederum mit fehlgeleiteter Immunantwort einhergehen und zu Autoimmunerkrankungen führen – Krankheiten, die sich gegen verschiedene Organe im Körper richten.

Gendermedizin

Eine Medizin, die Männern und Frauen gerecht wird, berücksichtigt die geschlechterspezifischen Unterschiede. Lange Zeit war der Mann der medizinische Prototyp – als Patient, Arzt und Forscher.
Das hat sich geändert.

Intensive Forschung im Bereich Gender

In vielen Bereichen der Medizin gibt es grosse Unterschiede zwischen Mann und Frau. Die sogenannte Gendermedizin wird derzeit intensiv erforscht. Gemäss der Schweizerischen Ärztezeitung fand man in einer Studie des Zürcher Triemlispitals kürzlich heraus, dass bei einem Herzinfarkt Frauen länger zögern als Männer, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ein Grund für den fatalen Zeitverlust sei, dass bei Frauen häufig andere Symptome auftreten als bei Männern (siehe auch Seite 12).

Ein anderes Beispiel: Man stellte fest, dass sich bei Frauen die morgendlichen Autounfälle häuften, nachdem sie am Vorabend ein Schlafmittel eingenommen hatten. Der Hintergrund dabei: Frauen bauen Wirkstoffe meistens langsamer ab als Männer, was in der Zulassungsstudie des Medikaments zu wenig berücksichtigt worden ist, da das Medikament vorwiegend an Männern getestet wurde. Das Interesse an der Forschung in diesem Bereich nimmt zu. Gemäss der Schweizerischen Ärztezeitung werden jährlich 8000 bis 9000 wissenschaftliche Artikel zum Thema Sex und Gender publiziert.


Einige Unterschiede

  • Hormone. Geschlechtshormone lassen Männer und Frauen nicht nur anders sein und aussehen, sondern beeinflussen auch das Immunsystem, den Stoffwechsel und die Funktion der Organe.
  • Leber. Die Leber ist bei Frauen kleiner und manche Enzyme sind unterschiedlich aktiv. Deshalb vertragen Frauen den Alkohol meist schlechter als Männer oder bauen Arzneimittelwirkstoffe anders ab.
  • Herz. Bei Frauen zeigt der Herzinfarkt im Vergleich zu Männern andere Symptome. Während bei Männern häufig ein Engegefühl in der Brust auftritt, können Frauen übermässig erschöpft sein, Schmerzen im Oberbauch haben oder Übelkeit verspüren.
  • Darm. Der weibliche Darm arbeitet meistens etwas langsamer als der männliche. Schädliche Substanzen haben deshalb mehr Zeit, die Darmwand anzugreifen. Das Reizdarmsyndrom etwa ist eine Krankheit, die häufig bei Frauen anzutreffen ist.
  • Knochen. Brüchige Knochen (Osteoporose) sind nicht nur ein Frauenproblem. Auch Männer erkranken daran. Nur wird das bei Männern häufig nicht erkannt.

Typisch Frau, typisch Mann

Biologisch gesehen sind Frauen kleiner und leichter als Männer, sie haben mehr Fettgewebe, weniger Muskelmasse und kleinere Organe. Sie nehmen Schmerz anders wahr und ihr Stoffwechsel verläuft anders. Gemäss Prof. Cathérine Gebhard, die am Universitätsspital Zürich zum Thema geschlechterspezifische Medizin forscht, gibt es auf der Seite der Medizin in manchen Bereichen immer noch eine fehlende Geschlechtssensibilität. Das kann auch zu negativen Folgen für Männer führen. So werden etwa Depressionen, Essstörungen oder Osteoporose (Knochenbrüchigkeit) oft als typische Frauenkrankheiten wahrgenommen und bei Männern seltener diagnostiziert. Deshalb sei Osteoporose beim Mann etwa eines der am meisten vernachlässigten Krankheitsbilder Europas.

Die Gendermedizin ist im Vergleich mit anderen medizinischen Gebieten noch relativ jung. Es zeigt sich aber immer mehr, dass die Berücksichtigung von Geschlechtsunterschieden bei Diagnose und Behandlung zu einer individualisierten und damit besseren Medizin führt.

Biologisches oder soziales Geschlecht

Das biologische Geschlecht (englisch: sex) wird durch die Geschlechts-Chromosomen festgelegt und definiert anhand der Geschlechtsmerkmale, ob wir Mann oder Frau sind oder in seltenen -Fällen keine eindeutig ausgeprägten Geschlechtsmerkmale haben. Das soziale oder kulturelle Geschlecht (englisch: gender) bezeichnet das Geschlecht, das jemand lebt (Rollenverständnis).


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