Catherine von Orelli, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie zeichnet auf eine Wandtafel
GESCHLECHTSIDENTITÄT BEI KINDERN UND JUGENDLICHEN

Sich so fühlen, wie man ist

Die sexuelle Identität entwickelt sich bei den allermeisten Kindern und Jugendlichen binär. Das heisst: Sie fühlen sich klar als Mädchen oder Jungen. Rund ein halbes Prozent aber fühlt sich in den falschen Körper hineingeboren oder kann sich mit der zugeteilten Geschlechterrolle nicht identifizieren.

Kinder ordnen sich in der Regel klar einer Geschlechterkategorie zu. Sie sind entweder Jungen oder Mädchen, da andere Konzepte in ihrer Erfahrungswelt noch nicht existieren oder ihre Vorstellungskraft übersteigen. Es gibt jungenhafte Mädchen und mädchenhafte Jungen, Mädchen, die kurze Haare tragen und am liebsten mit Buben spielen und Jungen, welche die Farbe Rosarot mögen und lieber mit Puppen als Autos spielen. Genauso vielfältig also wie Kinder sich entwickeln, können auch die geschlechtsorientierten Ausprägungen sein – und alles innerhalb der sogenannten Norm. Das angeborene Geschlecht, die Geschlechtsidentität und die Geschlechterrolle stimmen überein.

Entwicklung beginnt im Kindesalter

Dann gibt es auch Kinder oder Jugendliche, die sich nicht mit ihrem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren können – sie fühlen sich im falschen Körper oder in der falschen Geschlech­terrolle. Dr. med. Anne-Catherine von Orelli hat als Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Solothurner Spitäler zunehmend mit Heranwachsenden zu tun, die sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen. Bei Weitem nicht alle Kinder, die im Kindesalter diese Empfindungen äussern, entwickeln im Verlauf eine Transidentität. Und doch gibt es Kinder und Jugendliche, bei denen diese Empfindung über die Jahre bestehen bleibt. Sie nennen sich Transgender. Oft steigt der Leidensdruck mit den körperlichen Veränderungen in der Pubertät deutlich an. Die Jugendlichen berichten über eine starke Ablehnung des eigenen Körpers, wenn die Brüste zu wachsen beginnen, die Menstruation einsetzt beziehungsweise die Körperbehaarung zunimmt und der Stimmbruch kommt.

Höhere gesellschaftliche Akzeptanz

Identitätskrisen gehörten zwar grundsätzlich zum Erwachsenwerden, so Anne-Catherine von Orelli. «Wenn es aber aufgrund der Transgender-Thematik zu zusätzlichen Konflikten mit der Familie, zu Diskriminierungen am Arbeitsplatz oder Schwierigkeiten mit Freundinnen und Freunden kommt, zeigt sich der psychische Leidensdruck bei diesen Jugendlichen oft sehr stark.» Aus Studien weiss man, dass Transmenschen häufiger von Depres­sionen oder Selbstverletzungen betroffen sind und eine höhere Suizidrate ausweisen, so Anne-Catherine von Orelli weiter. Deshalb sei es wichtig, Transjugendliche und deren Familien bei Bedarf fachlich zu unterstützen. «Wer eine Ansprechperson hat, sich verstanden fühlt und in seinem Umfeld Akzeptanz erlebt, hat meistens weniger Mühe mit seinem Erleben klarzukommen und sich gegebenenfalls zu outen.»

Die Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie nimmt wahr, dass viele Jugendliche mit dem Thema der Geschlechtsidentität heute entspannter umgehen können als noch vor zehn, zwanzig Jahren, «dank der LGBT-Bewegung wird das Thema offener und häufig diskutiert, was im Allgemeinen zu einer Sensibilisierung und damit zu einer höheren Akzeptanz in der Gesellschaft führt».


Kurz erklärt

Transgender. Oberbegriff für alle Menschen, die sich entweder mit ihrem angeborenen Geschlecht nicht identifizieren können oder sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen.

Transfrau. Eine Frau, die mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren wurde, sich aber als Frau identifiziert.

Transmann. Ein Mann, der mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen geboren wurde, sich aber als Mann identifiziert.

Transvestit. Sehr häufig werden Transmenschen mit Transvestiten verwechselt. Ein Transvestit ist ein Mensch, der sich als Mann oder Frau kleidet. Travestie, oft Männer, die als weibliche Sängerinnen auftreten, ist eine Kunstform. Im Gegensatz zu Transmenschen fühlen sich Transvestiten in der Regel aber wohl mit ihrem Geschlecht.

Hat Transgender etwas mit Sexualität zu tun? Nein. Die sexuelle Orientierung, also ob jemand beispielsweise homo- oder heterosexuell ist, ist unabhängig von der Geschlechteridentität.

Haben Transmenschen eine medizinische Behandlung hinter sich? Nur ein Teil unterzieht sich einer geschlechtsangleichenden Operation. Manche nehmen auf ärztliche Verordnung hin Hormone ein. Das weibliche Hormon bewirkt bei Männern etwa eine Feminisierung des Körpers mit weniger Haarwuchs in Gesicht und Körper, Abnahme der Hodengrösse, Abnahme von sexuellem Verlangen und Erektion. Das männliche Hormon bewirkt bei Frauen eine Maskulinisierung des Körpers. Dabei können etwa Barthaare wachsen, das Muskelwachstum zunehmen oder die Stimme tiefer werden.


Die rechtliche Situation

Jeder Mensch hat das Recht, entsprechend seiner Geschlechtsidentität zu leben. So darf (ausser im amtlichen Verkehr) der passende, selbstgewählte Name benutzt werden und es ist erlaubt, die Kleidung zu tragen, die einem entspricht. Um sein amtliches Geschlecht ändern zu lassen, braucht es heute noch ein langwieriges gerichtliches Verfahren und medizinische Untersuchungen. Auf Bundesebene ist nun jedoch eine Gesetzesänderung geplant, welche die amtliche Änderung des Vor-namens und den amtlichen Eintrag des Geschlechts massiv vereinfachen soll.

LGBT

Die Abkürzung LGBT oder auch LGBTIQ kommt aus dem englischen Sprachraum und ist die Abkürzung für Lesbian (lesbisch), Gay (schwul), Bisexual (bisexuell) und Transgender (Menschen, die sich mit ihrer angeborenen Geschlechterrolle nicht identifizieren können). Die zusätzlichen Abkürzungen I und Q stehen für Intersexual (Menschen mit weiblichen und männlichen Geschlechtsmerkmalen) und Queer (Sammelbegriff für Menschen ausserhalb der heterosexuellen oder binären Norm).

Nützliche Links

www.tngs.ch – Transgender Network Switzerland ist ein schweizweit tätiger Verein für Transmenschen.
www.milchjugend.ch – Jugendorganisation für alle dazwischen und ausserhalb.
www.du-bist-du.ch


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