Palliativmediziner Dr. med. Manuel Jungi mit farbigen Tüchern im Hintergrund.
PALLIATIVE CARE

Der Anfang vom Ende…

…oder das Ende vom Schmerz. Palliative Care wird oft mit Sterbebegleitung verwechselt, ist aber viel mehr. Palliative Care heisst: Ja sagen zum Leben; auch wenn sein Ende absehbar wird. Ein Besuch auf der Palliativstation des Kantonsspitals Olten.

Die Palliativstation des Kantonsspitals Olten auf der dritten Etage im Trakt D ist wie eine Insel. Eine Insel inmitten des zeitweise hektischen Spitalbetriebs. Die Stimmung aber, die ist keinesfalls bedrückt, wie man dies meinen könnte. Patientinnen und Patienten, die auf die Palliativstation gebracht werden, wissen, dass ihre Erkrankung nicht mehr geheilt werden kann. Sie erfahren aber, dass ihre Erkrankung gelindert wird, dass sie unter Umständen Wochen, Monate oder sogar noch einige Jahre damit leben können, dass sich ein interdisziplinäres Team um sie kümmern wird, mit ihnen über ihre Ängste spricht, über Schmerzen, über den Umgang mit ihrer Situation und ihnen auch mitteilt, dass man sie eigentlich gar nicht so gerne hier behält.

Dr. med. Manuel Jungi ist ärztlicher Leiter der Palliativstation. Ein grosser Mann mit einer ruhigen Stimme und einer klaren Aussage: «Unser Ziel ist es, zusammen mit den Patienten, den Angehörigen, der Pflege und den Therapeuten einen Betreuungsplan zusammenzustellen und sie wieder nach Hause zu schicken.» Eine Tatsache sei aber, dass rund die Hälfte der Patienten auf der Palliativstation sterben würde. «Das liegt daran», so Manuel Jungi, «dass wir Patienten oft viel zu spät zugewiesen bekommen.» Oft kämen Patienten terminal, also bereits in der letzten Lebensphase. «Palliative Versorgung aber sollte viel früher beginnen, nämlich dann, wenn bewusst wird, dass eine Krankheit fortschreitet und nicht mehr geheilt werden kann.»

Wenn die Energie nicht mehr reicht

Stefan A.* war erst 49 Jahre alt. Er ­hatte Leberkrebs und fuhr wiederholt, teils mehrmals pro Woche nach Bern ins Universitätsspital zur Behandlung. Trotz Operationen und anderen Interventionen war der Krebs weiter fortgeschritten. Auf die Palliativstation im Kantonsspital Olten kam er in einer Notfallsituation, als es ihm mental und auch körperlich sehr schlecht ging. Zusammen mit seinem Team erarbeitete Manuel Jungi für ihn einen Betreuungsplan, verschrieb Medikamente gegen Atemnot, Angst, Schmerzen und Unruhe, Medikamente, die der Patient selber dosieren konnte. Und zusammen mit dem Patienten wurde entschieden, keine Chemotherapie mehr aufzunehmen und Stefan A. symptom­orientiert zu betreuen. Stefan A. war froh. Denn er hatte nicht mehr viel Energie – auch das Pendeln nach Bern hatte ihn Kraft gekostet. Stefan A. verstarb nach einigen Tagen, rascher als gedacht, auf der Palliativstation – ruhig und ohne Schmerzen.

Manuel Jungi, sie arbeiten jeden Tag mit Menschen, die keine Aussicht auf Heilung mehr haben. Ist das nicht belastend?

«Ob Sie es glauben oder nicht, aber wir lachen sehr viel auf der Palliativstation und können dies auch mit Patientinnen und Patienten teilen. Das heisst nun nicht, dass unsere Arbeit manchmal nicht auch belastend ist, dass auch wir in gewissen Situationen traurig werden. Aber ich bin nicht alleine. Wir arbeiten als Team. Das bedeutet, ich muss auch nicht alles alleine tragen. Es ist eine sehr menschliche und persönliche Medizin, die wir hier ausüben, das gibt mir als Arzt Erfüllung.»

Reinen Wein einschenken

Der Gedanke daran, dass man sterben muss und sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen, hindert viele Patienten daran, sich schon frühzeitig mit Palliative Care ausei­nanderzusetzen. «Man weiss, dass drei Viertel der Patienten eigentlich am liebsten zu Hause sterben möchten. Tatsache ist aber, dass drei Viertel der Patienten in Institutionen sterben, weil sie sich oft zu spät mit der letzten Lebensphase auseinandersetzen», so Manuel Jungi. Aber auch das darf sein. «Schwierig sind Situationen, wenn Angehörige den Tod ausblenden und uns darum bitten, auch dem Patienten nichts zu sagen. Das geht nicht.» Die Erfahrung zeige auch, dass fast ausnahmlos alle Patientinnen und Patienten sehr dankbar darum seien, wenn ihnen reinen Wein eingeschenkt werde.

Und wie sterben die Menschen, Manuel Jungi?

«Jeder Mensch stirbt seinen eigenen Tod. Es gibt keine allgemeingültige Regel. Natürlich kann der Tod medi­zinisch definiert werden. Aber der Sterbeprozess läuft nicht nur nach medizinisch-biologischen Prozessen ab, da spielen auch Emotionen, psychosoziale Faktoren und die Biografie hinein. Manche gehen ruhig und rasch, andere Patienten kämpfen. Manche Menschen brauchen zum Sterben ihre Angehörigen ganz nah bei sich, andere können erst dann gehen, wenn ihre Angehörigen draussen sind. Sterben ist ein Prozess.»

Was ist Palliative Care

Der Begriff Palliative Care leitet sich aus dem lateinischen «pallium» ab, Umhang, und dem englischen Wort «care», Pflege. Palliative Care ist gemäss Weltgesundheitsorganisation WHO eine Haltung und Behandlung, welche die Lebensqualität von Patienten und ihren Angehörigen verbessern soll, wenn eine lebensbedrohliche Krankheit da ist.

Palliative Care…

… lindert Schmerzen und andere belastende Beschwerden

… unterstützt den Patienten darin, so lange wie möglich aktiv zu bleiben

… integriert psychische, soziale und spirituelle Aspekte

… bejaht das Leben und erachtet das Sterben als normalen Prozess

… will den Tod weder beschleunigen noch verzögern

… unterstützt Angehörige, die Krankheit des Patienten und die eigene Trauer zu verarbeiten

… ist Teamarbeit

… kann frühzeitig in der Erkrankung angewendet werden

Weitere Informationen

www.palliative-so.ch oder www.palliative.ch

Helpline Palliative Care Kanton Solothurn: 079 894 17 89

Die Helpline ist die Anlaufstelle für Fragen rund um die palliative Betreuung im Kanton Solothurn. Sie bietet Beratung für Betroffene, Angehörige, Fachpersonen oder auch Freiwillige.


Weitere Beiträge

Pinsel auf Gemälde

Kunsttherapie in der Palliative Care

Esther Widmer arbeitet als Kunsttherapeutin in der Palliativstation des Kantonsspitals Olten. Was als Pilotprojekt begann, hat sich in der Zwischenzeit etabliert. Die Patientinnen und Patienten haben dort die Möglichkeit zu malen oder sie „diktieren“ der Therapeutin ihre Bilder.

Sofaecke in der Palliativstation

Welchen Trost die Seele des Sterbenden braucht

Körperliche Veränderungen sowie Veränderungen im Sprechen und in der nonverbalen Kommunikation kündigen den nahen Tod an. Tut dies auch die Seele des Sterbenden? Wie macht sie uns auf den zu erwartenden Abschied aufmerksam?

Patientin und Therapeutin auf der Palliativstation

Jeder Mensch stirbt seinen eigenen Tod

Welche Veränderungen deuten auf ein baldiges Lebensende hin? Wie viel Zeit bleibt noch vor dem Tod? Erfahren Sie mehr über den Sterbeprozess.