Eine gebärende Frau hält sich am Arm ihres Mannes fest
EINE GEBURT – ZWEI PERSPEKTIVEN

3185 Gramm: Robin kommt zur Welt

Eine Geburt ist jedes Mal ein kleines Wunder. Für die Mutter, aber auch für die medizinischen Fachpersonen, die bei einer Geburt dabei sind. Die Hebamme und die Mutter erzählen.

Mutter und Hebamme von Robin

Bei einer Geburt entsteht eine Beziehung. Rebecca Weitnauer, Hebamme (links), und Yvonne Fürst mit dem kleinen Robin.

Rebecca Weitnauer

Hebamme, Kantonsspital Olten

«Es sah ganz danach aus, als würde ich meine Nachtschicht pünktlich um 7 Uhr beenden können. Ich überlegte mir bereits, welche Informationen der Frühdienst brauchen würde und begann zu schreiben. Da kam um 6.30 Uhr Yvonne Fürst bereits mit starken Wehen auf die Geburten­abteilung. Als ich sie sah, wusste ich, dass sie bereits in der zweiten Phase ist. Gerade beim zweiten Kind kann es durchaus sehr schnell gehen. Yvonne Fürst war anfänglich überzeugt, sie könne nochmals nach Hause gehen, bis es so weit sei. Als um 7 Uhr die ersten Presswehen einsetzten, war die Sache klar. Sie blieb. Und ich auch. Als Hebamme gibt man eine Klientin in einem solchen Moment nicht ­gerne ab.

Nach dem anfänglich rasanten Start dauerte es trotzdem noch eine Dreiviertelstunde bis zur Geburt. Ich glaube, das lag auch daran, dass Yvonne Fürst aufgrund ihrer Vorgeschichte mit dem ersten Kind nicht richtig daran glauben konnte, dass die zweite Geburt so rasch gehen könnte. Ich mag mich daran erinnern, dass sie um 7 Uhr mit ihrem Mann darüber diskutierte, ob die Zeit noch reiche, dass er das Auto umparkiere. Frau Fürst meinte, er solle unbedingt bleiben, die Zeit reiche nicht mehr.

Als Robin um Viertel vor Acht zur Welt kam, wurde es für uns plötzlich ein wenig hektisch – Yvonne Fürst blutete zu stark und Robins Haut­farbe war nicht optimal, weshalb wir ihm gleich etwas Sauerstoff gaben. Ich liess meine Kolleginnen in den Gebärsaal kommen, wir hatten alle Hände voll zu tun. Nicht zuletzt auch deshalb, da Frau Fürst versehentlich den Venenkatheter rausriss und wir bei einer nicht ganz einfachen Venensituation einen neuen legen mussten, damit wir ihr rasch ein Mittel zur Ablösung der Plazenta geben konnten. Die Situation beruhigte sich rasch wieder, meine Kolleginnen übernahmen, ich füllte den Rapport aus und fuhr um 9.30 Uhr mit dem Zug nach Hause.

Das Schönste an meinem Beruf? Diesen Moment erleben zu dürfen, wenn wir das Kind der Mutter in die Arme geben und ich spüre, dass das Kind willkommen geheissen wird auf dieser Welt.»


Die drei Phasen einer Geburt

1 Eröffnungsphase.

Sie beginnt mit den ersten, schwachen Wehen. Das Baby wird durch die Wehen im Geburtskanal nach unten geschoben und der Muttermund öffnet sich. Diese Phase ist meistens die langwierigste.

Eine gebärende Frau hält sich am Arm ihres Mannes fest

Der kleine Robin von oben
2 Austreibungsphase.

Jetzt kommt das Kind zur Welt. Diese Phase beginnt, sobald sich der Muttermund vollständig geöffnet hat und endet, wenn das Kind geboren ist. Zeitlich ist fast alles möglich – von zehn bis zwanzig Minuten (vor allem beim zweiten oder dritten Kind) bis zu mehreren Stunden.


3 Nachgeburtsphase.

Sie dauert von der Geburt des Kindes bis zur Ausstossung der Plazenta. Sie ist die kürzeste der drei Geburtsphasen und meistens relativ schmerzfrei.

Die Hebamme hält Robin in den Armen

Yvonne Fürst

Mutter von Linus und Robin, Gunzgen

«Die Geburten meiner beiden Kinder waren wie Tag und Nacht. Bei Linus, dem Erstgeborenen, ging es zwar sehr rasch los, aber am Ende musste er mit der Saugglocke herausgeholt werden. Das war eine Erfahrung, die mich prägte und die mir auch etwas Angst machte.

Bei Robin besuchte ich im Voraus einen Geburtsvorbereitungskurs und setzte mich mit Hypno-Birthing auseinander. Ich lernte dabei, mit Hypnose loszulassen und darauf zu vertrauen, dass die Natur alles richtig macht. Dass eine Geburt etwas Natürliches ist und nichts mit Krankheit zu tun hat.

Um 5 Uhr morgens kamen die ersten Wehen. Nicht heftig. Wir brachten Linus zu den Schwiegereltern und fuhren ins Spital. Eigentlich wollte ich unbedingt noch Frühstück essen, da ich mich innerlich darauf einstellte, dass es auch so lange gehen würde wie bei meinem ersten Sohn. Und ich hatte etwas Angst. Nein, als ich im Spital ankam, hatte ich sogar sehr grosse Angst, ganz plötzlich, ich weiss nicht wieso. Die beiden Hebammen nahmen meine Ängste sehr ernst und konnten mich rasch beruhigen. Danach fühlte ich mich sicher.

Was die Hebammen wohl über mich sagen? Vielleicht, dass ich ein verrücktes Huhn sei, weil ich so viel rede? Ich glaube, ich brachte denen auch den Schichtwechsel etwas durcheinander.

Die Geburt von Robin dauerte am Ende eineinviertel Stunden. Ich war erstaunt, dass alles schon vorüber war. Ich hätte noch Kraft gehabt, länger durchzustehen. Rückblickend war die zweite Geburt wie ein bereits vertrauter Vorgang – und trotzdem war alles ganz neu.

An Details während der Geburt kann ich mich kaum erinnern. Ich weiss zum Beispiel nicht mehr, wer alles im Zimmer war. Aber daran, wie ich Robin auf die Brust gelegt bekam, daran erinnere ich mich. Das war ein ruhiger, sehr intensiver und schöner Moment. Ah ja, und daran, dass mein Mann das Auto umparkieren wollte und ich ihm sagte, dass die Zeit dazu nicht mehr reiche. Eine Busse hatten wir keine. Aber diese hätten wir sogar gerne bezahlt. Hauptsache ist doch, dass alles gut gegangen ist.»


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