TAGEBUCH VON DER INTENSIVSTATION

Verlorene Momente holen

Intensivtagebücher sind für Patientinnen, Patienten und deren Angehörigen ein wertvolles Mittel, um die Zeit auf der Intensivstation zu verarbeiten. Denn der Aufenthalt kann posttraumatische Beschwerden verursachen.

Der Aufenthalt auf der Intensivstation ist für Patientinnen und Patienten so wie auch deren Angehörigen ein einschneidendes Erlebnis. Die Kombination aus einer schweren, oft lebensbedrohlichen Erkrankung und der Einsatz von Medikamenten, insbesondere Beruhigungsmitteln, führt bei vielen Patienten dazu, dass sie das räumliche und zeitliche Gefühl verlieren. «Stellen sie es sich so vor, als lebten sie tage- oder wochenlang in einem Schlaf-Wach-Zustand», schildert Tanja Wörle, Fachexpertin Pflege der Intensivstation auf dem Bürgerspi­tal Solothurn den Zustand, den Patienten auf der Intensivstation erleben. Das hinterlässt Gedächtnislücken und kann nach dem Aufenthalt auf der Intensivstation zu Schlafproblemen, wiederkehrenden Albträumen oder Halluzinationen führen.

«Liebe Frau Meier»

«Bleibt ein Patient länger als drei Tage auf der Intensivstation, beginnen wir mit einem Intensivtagebuch», sagt Tanja Wörle. Zahlreiche Studien belegen, dass diese Tagebücher posttraumatische Belastungsstörungen lindern oder sogar verhindern können. «Gedächtnislücken belasten. Der Mensch will wissen, was mit ihm passiert», so Wörle. In einem Intensivtagebuch können Erinnerungen ergänzt, Lücken aufgefüllt und die verlorenen Momente besser verstanden werden. Ein Eintrag in einem Intensivtagebuch kann beispielsweise so aussehen: «Liebe Frau Meier. Sie liegen ruhig in Ihrem Bett im Zimmer der Intensivstation. Draussen ist es regnerisch und windig. Sie hatten heute einen guten Tag und nur sehr wenig geschwitzt. Das freut mich! Auch Ihre Werte sehen im Vergleich zu gestern schon besser aus. Ich habe mit Ihrer Familie gesprochen. Wir alle sind froh, dass es Ihnen besser geht.»

Der Traum mit der Schlange

Ein Eintrag ins Tagebuch beansprucht nicht viel Zeit und wird meist vom betreuenden Pflegepersonal oder den Angehörigen geschrieben. Tanja Wörle berichtet von einem Patienten, der im Traum immer wieder von einer roten Schlange angegriffen worden sei. Als er das Tagebuch gelesen habe, sah er, dass er regelmässig endoskopisch untersucht werden musste und man ihm einen Schlauch durch Mund und Rachen einführte. Das Endo­skop hatte ein rotes Licht und das rote Licht war die Schlange in seinem Traum. «Es war entlastend für ihn, dass er sich den Traum erklären konnte.»

Erinnerung ans Geräusch

Nicht alle Patienten wollen und können das Intensivtagebuch direkt nach ihrem Austritt lesen. Einige brauchen Zeit, um das Tagebuch Stück für Stück zu lesen und zu verarbeiten. Zusätzlich zum Intensivtagebuch bietet das Bürgerspital Solothurn beim Austritt eine Führung durch die Intensivstation an. So können die Patienten das Zimmer, das Bett und die Maschinen sehen. Oft erkennen sie Geräusche und können sie danach den Maschinen zuordnen. Auch das hilft, das Erlebte zu verstehen.

Was wird auf einer Intensivstation gemacht?

Die Intensivstation, oft auch bekannt unter der Abkürzung IPS (Intensivpflegestation), ist spezialisiert auf die Versorgung von schwerstkranken Menschen, die ständige Überwachung durch Geräte und Personal oder lebenserhaltende Massnahmen wie zum Beispiel künstliche Beatmung benötigen. Mögliche Gründe für einen Aufenthalt auf einer Intensivstation sind: akute Notfälle (Atemnot, Herzprobleme o. a.), schwere Unfälle, die ersten Stunden nach einer Operation oder Therapien, die schwere Komplikationen auslösen können.

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