APHASIE

Wenn (…) Worte

Nach einem Hirnschlag kann es sein, dass man nicht mehr sprechen kann. Nicht weil die Zunge nicht mehr will, sondern weil die Worte weg sind. Und auch das Verständnis für die Worte. Der Weg zurück führt über die Logopädie.

«Stellen Sie sich vor, Sie liegen im Bett, haben körperliche Lähmungserscheinungen und können vielleicht klar denken, aber keinen dieser Gedanken in irgendeiner Weise zu Wort bringen», beschreibt Dr. med. Robert Bühler, Leiter Neurologie am Bürgerspital Solothurn, den Zustand von Schlaganfallpatienten. Die Therapie, so Robert Bühler, ist in den Möglichkeiten relativ begrenzt: «Man stellt mit Medikamenten die optimale Blutzirkulation wieder her und hofft, dass sich dadurch gewisse Hirnareale und -funktionen wieder erholen.» Und dann bleiben aber je nach Schwergrad der Hirnschädigung bei einem Drittel der Betroffenen auch bleibende Störungen zurück. So etwa der Verlust des Sprachvermögens, die sogenannte Aphasie.

Aphasie

Eine Aphasie bezeichnet eine schwere Sprachstörung, die in rund 80 Prozent der Fälle durch einen Schlaganfall oder durch eine andere Beeinträchtigung des Gehirns aufgrund eines Unfalls oder einer Tumorerkrankung entsteht. Bei einer Aphasie sind Sprachproduktion, Sprachverständnis, Lesen und Schreiben betroffen. Durch das Unver­mögen, Worte formulieren zu können, wird Aphasie oft mit Verwirrtheit oder einer ­geistigen Beeinträchtigung verwechselt. Als Zuhörerin oder Zuhörer ist es wichtig, dem Gegenüber Zeit zu geben, seine Worte zu for­mulieren und sich auf das Gespräch zu konzentrieren.

Schweisstreibende Angelegenheit

Untersuchungen zu Lebensqualität zeigen, dass der Sprachverlust zu den schwersten Einbussen im Alltag gehört. Deshalb ist die Sprachtherapie, welche durch Logopädinnen und Logopäden durchgeführt wird, die wichtigste und langfristig auch einzige Massnahme bei einer Aphasie. «Als Erstes gilt es jeweils herauszufinden, welche Bereiche des Sprachsystems betroffen sind und wie sich die Probleme auf die Kommunikation auswirken», sagt Mirjam Zwahlen Joder, leitende Logopädin des Bürgerspitals Solothurn. Das sei nicht immer ganz einfach, da Sprachproduktion und -verarbeitung äusserst komplexe Abläufe darstellen. Danach beginnt das Training. Hilfsmittel gibt es viele: Fotos, Karten, Zeichnungen, und gerade bei jüngeren Patienten lassen sich auch Handys und Tablets hervorragend einsetzen. «Die Therapie selbst ist wie Hochleistungssport. Man muss üben, trainieren, ausprobieren, Vorgehensweisen ändern und immer wieder neu versuchen», sagt Mirjam Zwahlen Joder. «Nach ein paar Wörtern sind die Patienten manchmal regelrecht schweissgebadet.»

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Wichtig sind Zielsetzungen

Wie lange eine Therapie dauert, hängt sehr stark vom Schweregrad einer Aphasie ab. «Zentral», so die Logopädin, sei, «dass man erreichbare Ziel in kleinen Zwischenschritten formuliert». Patienten müssten auch lernen, dass ihr Leben nicht mehr dasselbe sein wird wie zuvor aber es Wege gibt, damit umzugehen. Am Ende geht es um das Empowerment, darum, die Patienten selber befähigen können, ihr Ziel zu erreichen. «Und wenn wir es erreicht haben – und sei es auch nur die Formulierung einfacher kurzer Sätze oder Wörter – so feiern wir das immer zu Recht wie einen Weltmeistertitel!»

Was tun bei Hirnschlag?

Ein Hirnschlag (Stroke oder auch Schlaganfall) ist eine Durchblutungsstörung des Gehirns. Er äussert sich häufig durch eine plötzliche Lähmung, Gefühlsstörung oder Schwäche auf einer Körperseite, plötzlicher Blindheit, Doppelbilder, Sprachstörungen, Schwindel oder heftigen und plötzlichen Kopfschmerzen. Eine Behandlung bei einem Hirnschlag muss so rasch als möglich er­folgen. Bei Verdacht auf einen Hirnschlag sollten Sie deshalb unver­züglich den Notruf 144 alarmieren und die Behandlung in einem Stroke Center oder einer Stroke Unit vor­nehmen lassen. Das Kantonsspital Olten und Bürgerspital Solothurn verfügen über zerti­fizierte Stroke Units.


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