Hinter den Kulissen
Für Arbeit mit Herzblut
Laura Jau und Urs Kämpf arbeiten in der Betriebspsychologie der soH. Sie wissen, was nötig ist, damit Menschen in diesem anspruchsvollen Umfeld langfristig gesund bleiben.
Frau Jau, Herr Kämpf, welche Aufgaben erfüllen Sie als Betriebspsychologin resp. als Betriebspsychologe in der soH?
Laura Jau: Unsere Rolle ist sehr vielfältig. Wir führen Einzel- und Führungsberatungen durch, unterstützen und vermitteln bei Konflikten und sind eine vertrauliche Anlaufstelle bei Fragen und Unsicherheiten. Wir planen ausserdem Kampagnen zu unterschiedlichen Themen, führen Kurse durch und halten Fachinputs.
Urs Kämpf: Ich würde sagen, unser Kernbusiness sind derzeit Beratungen. Mitarbeitende suchen uns gezielt auf, wenn sie Fragen oder Anliegen haben. Gespräche zu individuellen Problemstellungen oder Konfliktklärungen machen rund 80 Prozent unseres Arbeitsalltags aus. 20 Prozent arbeiten wir präventiv, wie zum Beispiel mit den erwähnten Kampagnen oder internen Ausbildungen.
Besteht eine gewisse Hemmschwelle, sich bei schwierigen Situationen an Sie zu wenden?
Laura Jau: Ich glaube, wir sind sehr akzeptiert. Natürlich kommen in erster Linie diejenigen Mitarbeitenden zu uns, die gegenüber unserem Angebot eine gewisse Offenheit mitbringen. Mit unseren Kampagnen schaffen wir es aber immer wieder, mehr Mitarbeitende zu erreichen. Das ist auch nötig, weil es auch an der soH eine Fluktuation der Mitarbeitenden gibt, und wir unser Angebot regelmässig bekannt machen möchten.
Urs Kämpf: Gut für uns ist, dass die Mitarbeitenden im Mittleren Kader, die meistens etwas länger an der soH sind, unsere Dienstleistung kennen und schätzen. Zum Beispiel die Stations- und Pflegedienstleitungen, aber auch die Berufsbilder und die Führungskräfte im Bereich der Hotellerie und der Hauswirtschaft.
Laura Jau: Was uns wichtig ist, und wir auch so immer wieder vermitteln: Wir sind eine vertrauliche Stelle. Die Informationen, die wir in einem Gespräch erhalten, gehen nirgendwohin – ausser, die Person, die zu uns gekommen ist, wünscht das explizit. Wir unternehmen keine Schritte ohne Rücksprache. Das schafft Vertrauen.
Das Spital ist ein dynamisches, manchmal sehr herausforderndes Arbeitsumfeld. Welche besonderen Themen beschäftigen Personen, die im Gesundheitsbereich arbeiten?
Urs Kämpf: Menschen, die im Gesundheitsbereich arbeiten, haben häufig den Wunsch, etwas Gutes zu tun. Sie interessieren sich für Menschen und arbeiten gerne mit ihnen. Das bringt natürlich auch Risikofaktoren mit sich, weil der Grad an emotionaler Involviertheit sehr hoch ist.
Laura Jau: Ein Thema, mit dem wir häufig konfrontiert sind, ist zum Beispiel moralischer Stress. Moralische Dilemmata entstehen dann, wenn man Dinge gerne anders machen möchte, als es der Arbeitsalltag zulässt. Zum Beispiel möchte man mehr Zeit mit den Patientinnen und Patienten verbringen, hat dafür aber schlicht keine Zeit – das kann zu inneren Konflikten führen.
Urs Kämpf: Auch Emotionsarbeit ist ein grosses Thema. In der Pflege wird zum Beispiel erwartet, dass man freundlich bleibt. Und zwar unabhängig davon, wie sich die Patientinnen und Patienten verhalten. Je nach Gesundheitsszustand verhalten sich diese aber extrem. Und da braucht es sehr viele Ressourcen, um geduldig und freundlich zu bleiben. Man muss quasi über einen längeren Zeitraum andere Emotionen zeigen als die, die man eigentlich empfindet.
Laura Jau: Ergänzend würde ich sagen, dass das Gesundheitswesen einem starken Wandel unterworfen ist und immer neue Herausforderungen mit sich bringt. Nehmen wir den demografischen Wandel: Die Menschen werden älter, die Krankheitsbilder komplexer. Das erfordert immer mehr Kompetenzen, was Stress auslösen kann.
Wie kann eine Arbeitsgeberin wie die soH auf diese Entwicklungen reagieren?
Laura Jau: Aus betriebspsychologischer Sicht ist wichtig, dass die ganze Organisation hinter dem Ziel steht, ein gesundes Arbeitsumfeld zu schaffen. Die Grundsätze, die dafür definiert werden, müssen auf oberster Ebene vorgelebt werden. Führungskräfte müssen ihre Vorbildfunktion wahrnehmen. Es hilft nichts, zu sagen, dass man ein offenes Ohr hat, wenn die Bürotür immer zu bleibt. Oder das eigene Team darauf hinzuweisen, auf die eigene Gesundheit zu achten, und dann selber immer bis zur Erschöpfung zu arbeiten.
Urs Kämpf: Es müssen bewusst Gefässe geschaffen werden, in denen es möglich ist, Probleme anzusprechen. Probleme anzusprechen braucht Zeit, und die muss vorhanden sein.
Was ist für einzelne Führungskräfte von Bedeutung, die in ihrem Team Raum dafür schaffen wollen?
Urs Kämpf: Auf den ersten Blick mag es vielleicht banal erscheinen, aber es ist entscheidend: Interesse am Team zeigen, Fragen stellen, sich für sie als Menschen zu interessieren, nicht nur als Arbeitskräfte. Es kann helfen, das Team einzubinden, zum Beispiel bei der Schichtplanung. So holt man das Team ab, und schafft Raum für Rückmeldungen – auch für kritische. Wichtig ist es auch, Dinge beim Namen zu nennen. Nehmen wir das Beispiel der erwähnten Emotionsarbeit. Sie muss konkret benannt werden und es braucht die Anerkennung davon, dass diese belastend sein kann. Anschliessend muss die Möglichkeit bestehen, dass Mitarbeitende, die sich davon ausgelaugt fühlen, allenfalls für kurze Zeit eine andere Rolle in ihrem Team einnehmen können. Es gibt ja auch in der Pflege Aufgaben, die nicht immer direkt an den Patientinnen und den Patienten stattfinden. So wird ein offenes Umfeld geschaffen, um im Team über Erschöpfung und Stress zu sprechen.
Was ist auf individueller Ebene wichtig, um einen gesunden Umgang mit den Belastungen im Arbeitsalltag zu finden?
Urs Kämpf: In einem ersten Schritt ist es wichtig, sich selbst zu kennen. Zu erkennen, wie es einem geht, und wie leistungsfähig man gerade ist. Man muss spüren, wann man die eigenen Grenzen erreicht, und lernen, das aktiv anzusprechen. Es wäre schön, wenn alle Mitarbeitenden eine Führungsperson hätten, bei der das möglich ist. Aber wie erwähnt ist das Bewusstsein dafür an der soH bereits gross.
Laura Jau: Resilienz und Selbstfürsorge lernt man nicht an einem Tag. Es ist ein langer Prozess, der nie ganz endet. Man braucht in unterschiedlichen Situationen nicht immer das Gleiche. Manchmal hilft Ablenkung, um sich zu erholen. Manchmal hilft aber auch eine intensive Auseinandersetzung mit einem Thema, um zur Ruhe zu kommen.
Urs Kämpf: Der Prozess ist auch deshalb langfristig zu betrachten, weil wir als Menschen uns ständig verändern. Einige Dinge belastend uns plötzlich mehr, andere weniger. Das ist individuell und unterschiedlich. Es ist wichtig, sich selbst gegenüber aufmerksam zu sein.
Was machen Sie selber, um sich regelmässig zu erholen?
Urs Kämpf: Ich glaube, wir lernen da selber immer wieder dazu. Manchmal muss man sich ablenken, dann gehen wir beide gerne Sport treiben. Ich persönlich gehe nach jedem Gespräch gerne kurz spazieren, um den Kopf frei zu bekommen. Meistens plane ich Gespräche so, dass ich danach eine kurze Pause einlegen kann, um mich auf das nächste Gespräch oder die nächste Aufgabe vorzubereiten.
Laura Jau: Es hilft sicher, dass wir zu zweit sind. Zu uns kommen vertrauliche Fälle, die wir mit niemandem ausserhalb des Teams besprechen dürfen. Da hilft der Austausch zu zweit
Sprechen wir von Berufen im Spital, so denken wir oft als Erstes an Pflegeberufe und Ärztinnen und Ärzte. Danach kommen uns meistens noch therapeutische Berufe wie Physio- oder Ergotherapie in den Sinn. Damit ein Spital aber überhaupt funktionieren und all die vielfältigen Aufgaben erfüllen kann, braucht es noch viel mehr Kompetenzen. Erfahren Sie mehr darüber im Magazin Thema.
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