Psychische Gesundheit

Mental Pain: Wenn es uns innerlich zerreisst

Bei Schmerzen denken wir meist an ein Körperteil, das wehtut. Doch Schmerzen machen auch vor unserer Psyche nicht halt. PD Dr. med. Christian Imboden erklärt, was sich hinter dem Begriff Mental Pain verbirgt und warum wir uns mit Tätigkeiten wie Tauchen oder Gitarre spielen – zumindest zu einem gewissen Grad – davor schützen können.

Herr Imboden, wenn wir emotionale Schmerzen haben, reden wir von Mental Pain. Wie äussert sich dieser?
Dieser innere Schmerz kann nicht konkret lokalisiert werden. Manche berichten von einem Druck auf der Brust, andere von einem zugeschnürten Hals. Es geht um eine psychische Belastung, die sich für Betroffene beispielsweise so anfühlt, als würde es sie innerlich zerreissen. Dazu kommen meist Unruhe, Anspannung und Hoffnungslosigkeit. Das Konzept Mental Pain wird stark mit Suizidalität in Verbindung gebracht. Diese Art von Schmerz ist kaum auszuhalten.

Viele denken beim Thema Schmerzen an den Körper. Unterschätzen wir den Einfluss der Psyche?
Psychische Schmerzen verursachen oder verstärken tatsächlich auch physische Leiden. Dass es Momente der Verzweiflung gibt, weiss praktisch jeder Mensch: Krankheiten, Todesfälle, Trennungen. Die meisten können diese Situationen aushalten, auch wenn sie belastend sind. Wenn das nicht mehr geht, kann es gefährlich werden und zu dysfunktionalen Strategien führen wie Selbstverletzung oder Suchtmittelkonsum.

Was ist denn entscheidend dafür, ob wir mit diesen Situationen umgehen können, oder nicht?
Da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: bisherige Erfahrungen, persönliche und soziale Ressourcen, die aktuelle Lebenssituation, aber auch genetische Faktoren. All dies hat einen Einfluss darauf, wie resilient wir sind. Wichtig ist grundsätzlich sicher, dass man Tagesabläufe hat, die einem Struktur geben, dass man weiss, was einem guttut, und dem auch nachgeht. Auch Schlaf spielt eine zentrale Rolle. Er kann uns helfen, Emotionen und Erinnerungen zu verarbeiten und zu entschärfen. Gleichzeitig leidet der Schlaf in Stresssituationen meist als erstes.

Können wir unsere psychische Belastbarkeit trainieren?
Resilienz und Achtsamkeit können wir durchaus trainieren. Viele denken da ans Meditieren, was ein hohes Potenzial hat – aber das können auch andere Tätigkeiten sein, bei denen wir «den Kopf frei bekommen». Ich spiele zum Beispiel gerne Gitarre. Wenn ich ein neues Stück übe, hat mein Kopf gar keine Kapazität, anderen Gedanken nachzugehen. Auch beim Sport, insbesondere wenn dieser die volle Aufmerksamkeit fordert, kann ich gut abschalten. Diesen Dingen geht man am besten regelmässig nach – in einer belastenden Situation damit zu beginnen, ist schwieriger.

Es kann bekanntlich aber jeder Person passieren, dass sie in eine Krise rutscht, vom Schmerz übermannt wird. Was dann?
Die psychiatrischen Dienste der soH betreiben die Notfall- und Krisenintervention. Wer sich dort meldet, erhält innerhalb von 7, maximal 14 Tagen einen Termin. Bei einer akuten Krise kann man sich jederzeit melden, oder auch eine Notfallstation der soH aufsuchen. Wir bieten Hand für stationäre Aufenthalte oder vermitteln ambulante Angebote. Als Privatperson ist es oft schwierig, selbst einen Therapieplatz zu finden, weil viele Praxen überlastet sind, lange Wartelisten führen oder gar keine neuen Patientinnen und Patienten aufnehmen. Aktuell gibt es auch bei unseren Ambulatorien Wartezeiten, das möchten wir innerhalb der nächsten zwei Jahre verbessern.

Inwiefern?
Unser Ziel ist, uns so zu organisieren, dass wir schneller einen Erstkontakt mit Betroffenen haben, damit wir gemeinsam mit ihnen ein passendes Angebot finden können. Zudem wollen wir auch Hand bieten, um Strategien für eine allfällige Wartezeit zu finden. Wir schliessen dabei auch digitale Angebote nicht aus.

Wenn man dann einen Platz gefunden hat: Wie wird Mental Pain behandelt?
Das kommt immer auf die Situation an. In akuten Situationen sind schnell wirksame Medikamente hilfreich. Psychotherapie im Sinne einer Krisenintervention, welche auf die konkrete Situation fokussiert kann helfen, den Druck abzubauen. Ein wesentlicher Faktor der Therapie ist, dass eine externe Person dabei unterstützt, Themen einzuordnen, zu relativieren und Bewältigungsstrategien zu entwickeln.


Im Falle einer Krise: Wichtige Kontakte

  • Notfall- und Krisenambulanz NoKia der soH in Solothurn: 032 627 11 11 (rund um die Uhr erreichbar)
  • Notfall- und Krisenambulanz NoKia der soH in Olten: 062 311 52 10 (zu Bürozeiten erreichbar)
  • Die dargebotene Hand: Telefon 143 oder online mit Chatfunktion www.143.ch
  • Notrufnummer für Kinder und Jugendliche der Pro Juventute: Telefon 147 oder online mit Chatfunktion www.147.ch



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