Suizidprävention
Einsatz fürs Leben
Betroffene von Mental Pain leben mit einem unaushaltbaren Schmerz und fühlen sich oft in einer Sackgasse gefangen. Die Anlaufstelle Suizidprävention der soH AG und des Gesundheitsamtes des Kantons Solothurn bietet diesen Menschen Auswege – und verfolgt das Ziel, dass andere gar nicht erst so weit kommen.
Frau Spieker, Betroffene von Mental Pain sind oft stark suizidgefährdet. Haben Sie primär mit Menschen zu tun, die diesen inneren Schmerz fühlen?
Teilweise: Betroffene befinden sich in einer tiefgreifenden Krise und fühlen sich in einer Sackgasse gefangen. Das ist häufig ein unaushaltbarer Zustand des inneren Schmerzes. Wir arbeiten aber auch oft mit Angehörigen zusammen. Dort geht es um einen Schmerz der anderen Art. Sie fühlen sich oft hilflos und überfordert mit der Situation, weil es um Leben und Tod geht. Schliesslich gibt es auch Hinterbliebene, die einen nahestehenden Menschen verloren haben. Dort geht es um viele Gefühle: Trauer, Wut, Unverständnis, aber auch Schuld oder Scham – ein regelrechtes Spektrum an schmerzlichen Gefühlen.
Inwiefern hilft die Anlaufstelle Suizidprävention bei all diesem Schmerz?
Wir setzen uns fürs Leben ein. Für Menschen mit Suizidgedanken sind wir der erste Schritt auf dem Weg hin zu anderen Unterstützungsmöglichkeiten. Wir fungieren als Triage, können also nach einer ersten Abklärung einschätzen, was es braucht: Vielleicht ein stationärer Aufenthalt in unserer psychiatrischen Klinik oder ein Gespräch bei unserer Kriseninterventionsstelle. In Notfällen sind wir zudem verpflichtet, die Polizei zu rufen. Grundsätzlich sind es aber vor allem Angehörige, die sich bei uns melden, und zunehmend auch Fachpersonen wie Lehrkräfte. Diese haben im beruflichen Umfeld eine suizidgefährdete Person und möchten wissen, wie sie am besten mit der Situation umgehen können.
Was raten Sie diesen Menschen – das Thema ansprechen?
Unbedingt. Es ist ein Vorurteil, dass man jemanden auf Suizidgedanken bringt, wenn man darüber spricht. Und es stimmt auch nicht, dass eine Person, die Suizid andeutet, keine echten Absichten hat. Ob wir Fachpersonen sind oder nicht: Wir alle haben ein Bauchgefühl, auf das wir hören dürfen. Es ist wichtig, bei einem „schlechten“ Gefühl direkt die Frage nach Suizidgedanken zu stellen. Betroffene sind oft sehr isoliert und haben das Gefühl, nicht darüber reden zu dürfen. Deshalb kann das Ansprechen auch für sie eine grosse Erleichterung bedeuten.
Sind Sie auch mit dem Thema Selbstverletzung konfrontiert, also, dass sich jemand äusseren Schmerz zufügt aufgrund des inneren Leidens?
Selbstverletzung ist häufig bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein Thema. Wir unterscheiden hier aber zwischen Suizidabsichten und selbstverletzendem Verhalten. Bei Selbstverletzung geht es nicht primär darum, nicht mehr da sein zu wollen, sondern darum, schwierige emotionale Zustände zu regulieren, etwa eine unerträgliche Leere zu füllen. Gleichzeitig wissen wir: Wenn sich jemand selbstverletzt, denkt die Person nicht nur schlecht von sich selbst, sondern tut sich auch etwas an. Das erhöht das Risiko für einen Suizidversuch.
Sie sind mit schweren Themen konfrontiert. Erleben Sie bei der Anlaufstelle auch hoffnungsvolle Momente?
Hinsichtlich Prävention verzeichnen wir deutliche Erfolge. Unsere Veranstaltungen zum Thema sind sehr gefragt, Mitarbeitende von Institutionen zeigen eine grosse Bereitschaft, sich schulen zu lassen und wir werden immer häufiger von Fachpersonen kontaktiert. Es gibt also einen klaren Bedarf für diese Arbeit. Die bestehenden Vernetzungen machen uns zu einem wichtigen Ansprechpartner. Zudem erleben wir immer wieder, dass wir auch Menschen in einer Krise helfen können. Das zeigt das Beispiel einer akut suizidgefährdeten Person, welche infolge des Beratungsgesprächs bereit gewesen ist, ihre Depression in der Klinik behandeln zu lassen. Nach dem Aufnahmegespräch meinte sie, dass die schweren Gedanken zwar noch da seien, sie aber wieder mehr Hoffnung auf Besserung habe. Es ist bis zum Schluss also möglich, jemanden aus der Krise zu begleiten.
Über die Anlaufstelle
Die Anlaufstelle Suizidprävention ist ein vierjähriges Pilotprojekt des kantonalen Gesundheitsamts. Nach rund zwei Jahren wird aktuell eine erste Bilanz gezogen, bevor entschieden wird, wie es weitergeht. Die Anlaufstelle berät Betroffene, Angehörige und Fachpersonen, vernetzt bestehende Angebote, schult Fachpersonen und Institutionen und sensibilisiert die Öffentlichkeit. Sie unterstützt bei Fragen rund um das Thema Suizidalität und ist erreichbar unter 032 627 14 44 (Sprechstunde jeden Donnerstag von 13 bis 17 Uhr) oder suizidpraevention@spital.so.ch.
Weitere wichtige Kontakte
- Notfall- und Krisenambulanz NoKia der soH in Solothurn: 032 627 11 11 (rund um die Uhr erreichbar)
- Notfall- und Krisenambulanz NoKia der soH in Olten: 062 311 52 10 (zu Bürozeiten erreichbar)
- Die dargebotene Hand: Telefon 143 oder online mit Chatfunktion www.143.ch
- Notrufnummer für Kinder und Jugendliche der Pro Juventute: Telefon 147 oder online mit Chatfunktion www.147.ch
Veranstaltungshinweis
Am Welttag der Suizidprävention, am 10. September 2026, führt die Anlaufstelle eine öffentliche Veranstaltung in Olten durch. Nebst einer Lesung, musikalischem Programm und einer Podiumsdiskussion mit Fachpersonen gibt es für das Publikum auch die Möglichkeit, direkt Fragen zu stellen und Anliegen zu formulieren. Weitere Infos folgen.
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