Geburt

Grosser Schmerz, grosses Glück

Beim Gebären erleben Frauen eine der intensivsten Formen von Schmerz überhaupt. Der Körper schafft es auch dank dieser Schmerzen, neues Leben auf die Welt zu bringen – und kennt gleichzeitig Kniffe, um diese unfassbare Erfahrung zu verarbeiten.

Für viele Menschen ist es einer der schönsten und unvergesslichsten Momente ihres Lebens: die Geburt ihres Kindes. Dieser Moment bringt allerdings auch Schmerzen mit sich, wie man sie vorher noch nie erlebt hat. Das hat auch seinen guten Grund. Oder besser gesagt: gleich mehrere Gründe. Dr. med. Mirjam Heimhalt-El Hamriti, Leitende Ärztin der Geburtshilfe bei der Frauenklinik im Bürgerspital Solothurn, zählt auf: «Zunächst einmal ist der Schmerz ein Alarmsignal dafür, dass die Geburt im Gang ist. Gleichzeitig führt der Schmerz dazu, dass sich werdende Mütter so bewegen und atmen, dass das Baby gut positioniert und gut mit Sauerstoff versorgt wird. Und in der Endphase der Geburt führen die Schmerzen dazu, dass die Frau Pressdrang verspürt und aktiv mitdrückt.»

Klar ist auch: «Der Geburtsschmerz ist eine der intensivsten Formen des Schmerzes.» Dass die Geburt so schmerzhaft ist, hat verschiedene Ursachen. Einerseits zieht sich die Gebärmutter zusammen, um das Kind nach unten zu schieben. Zudem dehnen sich der Muttermund und zum Schluss auch die Vagina, die Beckenbodenmuskulatur und der Damm, damit das Baby durchpasst. Wie genau Frauen dies wahrnehmen – und wie sie mit dem Schmerz umgehen, lässt sich hingegen nicht so einfach beschreiben.

Das hilft: PDA und Entspannungsbäder

Einige vergleichen den Geburtsschmerz mit Amputationsschmerzen. Andere sagen aus, dass er schlicht und ergreifend mit nichts zu vergleichen ist. Einige haben Angst und möchten mit den Schmerzen nicht gross in Berührung kommen. Andere freuen sich fast schon auf die Erfahrung und möchten daran wachsen können. «Es gibt kein richtig oder falsch», erklärt die Leitende Ärztin. Am Schluss geht es darum, was die Frau empfindet, und wie sie darauf reagieren möchte. Hilfreich ist ein Geburtsvorbereitungskurs im Vorfeld, bei dem sich werdende Eltern mit den Abläufen und den möglichen Schmerztherapien schon vertraut machen können.

Es gibt nämlich verschiedene Dinge, die unterstützen können. So etwa die PDA, eine Spritze in den Rücken, die den Schmerz lindert. Andere Möglichkeiten sind Entspannungsbäder mit Aromatherapien. Für eine möglichst gute Erfahrung sind auch die Fachpersonen – Hebammen und Ärztinnen und Ärzte – zentral. «Wenn es mal hektisch wird, ist es meiner Meinung nach immer sehr wichtig, mit der Frau in Verbindung zu bleiben, gut zu kommunizieren, sie ernst zu nehmen, auf ihre Wünsche einzugehen und ihr nicht die eigenen Vorstellungen überzustülpen.»

Das macht der Körper: Hormoncocktail und Tranceerlebnis

Gleichzeitig arbeitet der Körper bei einer Geburt auf Hochtouren, damit Frauen mit dieser unglaublichen Situation umgehen können. «Dadurch, dass Wehen wellenförmig kommen und gehen, gibt es in der Regel schmerzfreie Wehenpausen, in denen die Frau sich erholen und Kraft sammeln kann für die nächste Wehe», berichtet Heimhalt-El Hamriti. Der Körper hat sogar so etwas wie körpereigene Schmerzmittel parat. Er schüttet während der Wehen verschiedene Hormone aus. «Diese können die Mutter in eine Art Trancezustand versetzen, der es ihr ermöglicht, den Schmerz zu verarbeiten und auf ihren Instinkt zu vertrauen.»

Klar ist, dass es keine Geburt komplett ohne Schmerzen gibt. Und nicht bei allen läuft die Geburt ohne Komplikationen ab. Aber: «Bei den meisten ist es so, dass sie sich zwar im Nachhinein noch daran erinnern, dass es schmerzhaft war, sie können den Schmerz aber nicht mehr nachfühlen. Am Schluss wird dieses glückliche emotionale Erlebnis stärker von unserem Gehirn abgespeichert als die Schmerzen zuvor.»


Wann gehe ich ins Spital?

Aufgrund von Vorwehen können einige Frauen schon Stunden vor der eigentlichen Geburt Schmerzen haben. Laut der leitenden Ärztin der Geburtshilfe der Frauenklinik im Bürgerspital können sich Frauen bei Unsicherheiten grundsätzlich immer melden, der Gebärsaal ist rund um die Uhr telefonisch erreichbar. Los ins Spital sollten Betroffene, wenn die Wehen über eine Stunde lang regelmässig mindestens alle fünf Minuten zu spüren sind. Nebst dem Schmerz gibt es weitere Zeichen, auf die schnell reagiert werden sollte: austretendes Fruchtwasser, vaginale Blutungen oder das Gefühl, die Bewegungen des Kindes immer weniger zu spüren.


Foto: Tom Ulrich, fotomtina


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