Tumorschmerzen
Nervensystem in Schieflage
Sowohl Tumore als auch Therapien können bei Krebspatientinnen und -patienten Schmerzen auslösen. Bei einigen äussern sich diese als Kribbeln in den Fingern, bei anderen löst bereits das Zudecken im Bett brennende Qualen aus. Nicht zu unterschätzen während der umfassenden Behandlung ist eines: das Gespräch.
«Neuropathische Schmerzen gehören zu den häufigsten und gleichzeitig am meisten unterschätzten Beschwerden in der Onkologie», bringt es Dr. med. Marcelo Caballero auf den Punkt. Er ist Leitender Arzt für Onkologie und Hämatologie am Bürgerspital Solothurn. Das heisst: 20 bis 40 Prozent von Krebspatienten und -patientinnen sind betroffen. Besonders häufig ist diese Begleiterscheinung bei folgenden Krebsarten: Bauchspeicheldrüse, Prostata, Lunge, Brust und Darm sowie bei Kopf-Hals-Tumoren.
Es gibt zweierlei Ursachen für diese Art von Schmerzen. Einerseits können Tumore mit Nerven verwachsen und deren Fasern angreifen. Andererseits können auch gewisse Medikamente oder die Bestrahlungstherapie die Nervenzellen schädigen. Das Resultat in beiden Fällen: «Die Nerven funktionieren nicht mehr richtig und beginnen, fehlerhafte Schmerzsignale weiterzuleiten», so Caballero.
Dieser Schmerz äussert sich je nach Person unterschiedlich. Für manche fühlt er sich brennend oder elektrisierend an; andere haben ein Taubheitsgefühl oder verspüren ein Kribbeln. Es gibt auch Patientinnen und Patienten, die eine extreme Berührungsempfindlichkeit haben: «Manche empfinden sogar das Gewicht einer Bettdecke als schmerzhaft.» Patientinnen und Patienten haben deshalb oft auch Mühe mit ganz alltäglichen Dingen wie Anziehen oder Gehen.
Betroffene sollen über Schmerzen reden
«Meine wichtigste Botschaft ist: Bitte sprechen Sie über Ihre Schmerzen», so Caballero. Das fällt nicht allen leicht. Einige meinen, Schmerzen gehören halt einfach dazu, manche wollen möglichst niemandem zur Last fallen, und wieder andere haben Angst, dass die Beschwerden ein Zeichen dafür sind, dass eine Erkrankung weiter fortgeschritten ist. Aber: «Schmerzen sind für uns nicht nur ein Symptom, das behandelt werden muss», führt der Leitende Arzt aus. «Sie liefern oft wichtige Hinweise darauf, was im Körper gerade geschieht.» So müssen Schmerzen nicht zwingend bedeuten, dass ein Tumor gewachsen oder zurückgekehrt ist, aber: «Sie verdienen immer eine sorgfältige Abklärung.»
Das Gespräch spielt aber auch aus einem anderen Grund eine wichtige Rolle: «Schmerztherapie bedeutet weit mehr als Medikamente. Sie umfasst Zuhören, Begleiten, individuelle Therapie und manchmal auch die Unterstützung durch Physiotherapie, Psychologie oder komplementäre Verfahren.» Im Gespräch kann genau definiert werden, was einer Person hilft. «Gerade in der Onkologie behandeln wir nicht nur eine Erkrankung. Wir begleiten Menschen in einer oft sehr belastenden Lebensphase. Deshalb sollte sich niemand scheuen, Schmerzen früh anzusprechen. Je früher wir davon erfahren, desto besser können wir helfen», erklärt Caballero.
Fachpersonen sollen realistische Behandlungsziele ansprechen
Es ist aber auch wichtig, dass die Fachpersonen die Dinge offen ansprechen. Etwa dann, wenn Patientinnen und Patienten fragen, ob sie ihre Schmerzen wieder loswerden. «Sie verdienen dann eine ehrliche Antwort», so der leitende Arzt. Und die lautet: Es ist kompliziert. Bei manchen verschwinden die Schmerzen, andere lernen, damit zu leben. Das hängt immer auch davon ab, welche der eingangs erwähnten Ursachen die Beschwerden ausgelöst hat: Wenn eine Chemotherapie zu den Schmerzen führt, können sich die Beschwerden nach der Behandlung zurückbilden, wobei es hier Ausnahmefälle gibt, in denen die Symptome nach der Therapie vorübergehend schlimmer werden. Nach einer Bestrahlung können sich früh auftretende Schmerzen teilweise bessern, spät auftretende Schmerzen aber dauerhaft bestehen bleiben. Und bei tumorbedingten Nervenschmerzen kann dann eine Besserung eintreten, wenn der Tumor nach einer Behandlung und weniger stark auf die Nerven drückt. Bei fortgeschrittenen Erkrankungen ist das aber nicht immer mehr möglich.
«Deshalb sprechen wir mit unseren Patientinnen und Patienten offen über realistische Therapieziele», führt Caballero aus. «Natürlich wünschen wir uns Schmerzfreiheit. Mindestens genauso wichtig ist jedoch, dass Menschen wieder schlafen, sich sicher bewegen, ihren Alltag bewältigen und möglichst viel Lebensqualität zurückgewinnen können.»
Beliebte alternative Behandlungsmöglichkeiten
«Viele Patientinnen und Patienten wünschen sich neben der klassischen Medizin zusätzliche Möglichkeiten, aktiv etwas zu ihrem Wohlbefinden beizutragen», berichtet Caballero. Es gibt verschiedene Angebote, die die klassische Schmerztherapie ergänzen können: Akupunktur, Achtsamkeitstraining, Musiktherapie oder medizinische Massagen. «Was mich persönlich immer wieder beeindruckt, ist, dass viele Patientinnen und Patienten nicht nur über weniger Schmerzen berichten. Sie schlafen besser, fühlen sich ruhiger und gewinnen ein Stück Kontrolle über ihren Alltag zurück», so der leitende Arzt für Onkologie und Hämatologie. Das Solothurner Bürgerspital arbeitet seit Mai 2024 mit der Klinik Arlesheim zusammen. Dort werden etwa anthroposophische Sprechstunden oder Misteltherapien für Krebspatientinnen und -patienten angeboten. Das begrüsst auch Caballero: «Wenn wir das Beste aus der Schulmedizin mit sinnvoll eingesetzten komplementären Verfahren verbinden, profitieren viele Patientinnen und Patienten davon.»
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