PAVK

Wenn der Schmerz nur langsam – oder gar nicht – kommt

Die periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK) ist mit einer erhöhten Sterblichkeit verbunden, verursacht aber nicht in jedem Fall Schmerzen. Wie verengte und verschlossene Gefässe erkannt und behandelt werden, wissen Dr. med. Pascal Kissling, Chefarzt Gefässzentrum bei der soH, und Dr. med. univ. Gholam Reza Afarideh, Leiter Angiologie am Bürgerspital Solothurn.

Schmerz gilt gemeinhin als Alarmsignal. Er zeigt uns an, dass etwas nicht in Ordnung ist und kontrolliert, geschont oder behandelt werden sollte. Im Falle der PAVK verhält es sich jedoch nicht immer so. Es handelt sich dabei um eine Durchblutungsstörung, die meist durch Arteriosklerose, also durch Ablagerungen und Verkalkungen in den Gefässen, verursacht wird. Die Muskeln werden dadurch nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Im Volksmund ist auch von der «Schaufensterkrankheit» die Rede: Die Betroffenen können einige Meter gehen, verspüren dann Schmerzen in den Beinen und bleiben – etwa vor einem Schaufenster – stehen, bevor sie weitergehen – etwa bis zum nächsten Schaufenster. Diese Schmerzen entwickeln sich häufig schleichend und veranlassen viele Betroffene nicht dazu, sofort einen Arzttermin zu vereinbaren. Es gibt aber auch Fälle, in denen Betroffene gar keine Beschwerden haben. Das kann beispielsweise bei Menschen mit Sensibilitätsstörungen der Fall sein. Dann führen möglicherweise erst offene Wunden oder bereits abgestorbene Zehen zum Besuch bei der Fachperson.

PAVK in vier Stadien

«Rund 70 Prozent der Fälle sind typisch: Da verspüren die Betroffenen Schmerzen», erklärt Dr. med. Pascal Kissling, Chefarzt Gefässzentrum bei der soH. Sie gelangen meist über eine Überweisung durch die Hausärztin oder durch den Hausarzt ins Gefässzentrum des Bürgerspitals. Die restlichen 30 Prozent suchen häufig erst dann eine Fachperson auf, wenn die PAVK bereits weiter fortgeschritten ist.

Diagnostiziert wird die Erkrankung etwa durch Ultraschalluntersuchung der Gefässe an den Beinen oder Armen oder durch das Anlegen von Blutdruckmanschetten. Die Erkrankung wird klassischerweise in vier Stadien eingeteilt:

  • Stadium 1: Die Betroffenen haben keine Beschwerden. Die PAVK wird häufig zufällig entdeckt.
  • Stadium 2: Schmerzen beim Gehen zwingen die Betroffenen dazu, immer wieder Pausen einzulegen. Stadium 2a: Die schmerzfreie Gehstrecke beträgt mehr als 200 Meter. Stadium 2b: Die schmerzfreie Gehstrecke liegt unter 200 Metern.
  • Stadium 3: Die Betroffenen haben auch im Ruhezustand Schmerzen. Besonders nachts kann eine Linderung nur eintreten, wenn die Beine aus dem Bett herausgehängt werden.
  • Stadium 4: Das Gewebe beginnt abzusterben, weil es nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird. Es kommt zu Wunden oder sogar zu schwarzen Zehen beziehungsweise schwarzen Bereichen am Fuss.

Schnelle Besserung durch die Behandlung

Nicht in jedem Stadium ist eine invasive Behandlung notwendig. Haben Betroffene keine Beschwerden, helfen häufig Gehtraining und eine Optimierung des Lebensstils. Für Patientinnen und Patienten mit PAVK im Stadium 2 bietet das Rehabilitationszentrum der soH Unterstützung. Dort finden Gehtrainings und Gymnastikstunden in der Gruppe statt. Zudem gibt es Vorträge zu den Risikofaktoren der PAVK sowie Beratungen zum Thema Rauchstopp. In den beiden letzten Stadien muss es teilweise sehr schnell gehen. Eine Behandlung muss dann häufig noch am selben Tag erfolgen, manchmal auch, um eine Amputation des Beines oder eines Teils davon zu verhindern. «Wir gehen immer so minimalinvasiv wie möglich vor», berichtet Kissling. Ein klassisches Verfahren ist die Ballonangioplastie: Mit einem Katheter wird ein Ballon in das verengte Gefäss eingeführt und dort aufgeblasen, um die Engstelle zu erweitern. In anderen Fällen wird ein Bypass angelegt – entweder mit einer körpereigenen Vene oder mit einer künstlichen Gefässprothese –, um das betroffene Gefäss zu umgehen.

Die gute Nachricht: «Patientinnen und Patienten kommen immer glücklich zur Nachkontrolle – weil sie nach einer Behandlung schmerzfrei sind», berichtet Dr. med. univ. Gholam Reza Afarideh, Leiter Angiologie am Bürgerspital Solothurn. Je nach Verfahren kann eine deutliche Besserung bereits nach einem Tag oder innerhalb einer Woche eintreten. Das ist allerdings keine Garantie dafür, dass die Betroffenen ein Leben lang beschwerdefrei bleiben. Deshalb kommen Patientinnen und Patienten regelmässig zur Nachkontrolle ins Gefässzentrum.

Die schlechte Nachricht: PAVK ist in bestimmten Bevölkerungsgruppen weit verbreitet und mit einer deutlich erhöhten Sterblichkeit verbunden. In der Schweiz ist etwa jede fünfte Person über 65 Jahren betroffen. «Es gibt manche Krebsarten, die weniger tödlich sind», sagt der Leiter der Angiologie. Der Grund: PAVK betrifft nicht nur die Gefässe der Beine. Sie ist vielmehr ein Zeichen einer Erkrankung des gesamten Gefässsystems und kann unter anderem das Risiko für Herzinfarkte und Hirnschläge deutlich erhöhen.

(Un)beeinflussbare Risikofaktoren

Es gibt verschiedene Faktoren, welche das Risiko für eine PAVK oder für einen schweren beziehungsweise tödlichen Verlauf erhöhen. Einige davon lassen sich beeinflussen: «Blutdruck, Blutfettwerte, Bewegung und Rauchen», zählt der Chefarzt des Gefässzentrums auf. Daneben gibt es Faktoren, die sich nicht beeinflussen lassen. Dazu gehören die genetische Veranlagung, das Alter und Vorerkrankungen wie Diabetes. Ein Stück weit haben es die Patientinnen und Patienten jedoch selbst in der Hand. Was raten die Experten? «Bewegung, Bewegung, Bewegung. Mindestens 30 Minuten pro Tag. Und auf Rauchen verzichten», sagt Afarideh. «Eine gesunde Ernährung und ab und zu ein Check beim Hausarzt», ergänzt Kissling.


Modernes und vernetztes Gefässzentrum soH

«Auf der ganzen Welt gibt es wohl selten eine so gute Kooperation auf einer Spitalabteilung», sagt der Leiter der Angiologie über das Gefässzentrum der soH. Einerseits arbeiten hier Fachpersonen der Angiologie – aus dem Bereich der Inneren Medizin – sowie Fachpersonen der Gefässchirurgie – aus dem Bereich der Chirurgie – eng zusammen. So widmen sich verschiedene Expertinnen und Experten gemeinsam einem Thema: den Gefässen. Gleichzeitig findet ein enger Austausch zwischen dem Solothurner Bürgerspital und dem Kantonsspital Olten statt. Ein Hybridoperationssaal ermöglicht zudem die Kombination verschiedener Verfahren in einem Eingriff. So müssen Betroffene, bei denen beispielsweise gleichzeitig ein Kathetereingriff und eine Ausschälung an einer Arteriengabelung notwendig sind, unter Umständen nur einmal operiert werden.




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