Häusliche Gewalt
Schmerzerfahrungen im jungen Alter können sich durchs ganze Leben ziehen
Viele denken bei Schmerzen an körperliche Leiden. Sie können sich aber auch in unserem Inneren abspielen. Ein Gespräch über seelische Spuren, die häusliche Gewalt bei Kindern und Jugendlichen hinterlässt.
Dr. med. Oliver Pick, Sie sind Leitender Arzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie der soH im Ambulatorium Olten. Sie haben also mit jungen Patientinnen und Patienten zu tun, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Welche Formen kann diese überhaupt annehmen?
Sie kann einerseits körperlicher Natur sein, wenn es sich um physische und sexuelle Misshandlungen handelt. Andererseits kann sie psychischer Art sein, etwa in der Form von Beschimpfungen oder verbalen Übergriffen. Kinder und Jugendliche sind zudem sehr oft Zeugen häuslicher Gewalt, beispielsweise auf Elternebene.
Seelische Schmerzen kann man unter anderem als innere Zerrissenheit definieren. Wie würden Sie die Schmerzen beschreiben, die häusliche Gewalt bei Kindern und Jugendlichen hinterlässt?
Es geht sicher auch um ein inneres Zerwürfnis. Kinder und Jugendliche stehen oft einem Elternteil, in der Regel dem Opfer, näher und erleben deshalb Loyalitätskonflikte. Insgesamt sind die Folgen aber sehr vielfältig: von Angststörungen, über depressive Verstimmungen und Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu Schlafproblemen. Im schulischen Umfeld können auch Konzentrationsprobleme beobachtet werden. Der enorme psychische Stress kann zudem auch zu psychosomatischen Beschwerden, wie Bauch- oder Kopfschmerzen führen.
Welche Folgen hat diese Art von Schmerz in diesem jungen Alter?
Das Erleben von psychischen Traumata kann die kindliche Entwicklung massgeblich beeinträchtigen. Umso länger die Belastung anhält, umso grösser ist das Risiko, dass Betroffene eine relevante psychische Störung entwickeln. Das erhöhte Stressniveau, das diese Erlebnisse auslöst, kann dazu führen, dass Bindungs- und Emotionsregulationsstörungen entstehen. Sie kommen auch weniger gut zur Ruhe, da der Körper in ständiger Alarmbereitschaft ist. Es entwickeln aber nicht alle Betroffenen zwingend eine psychische Störung. Junge Menschen sind oft resilient, gerade wenn sie ein stützendes Umfeld etwa im schulischen Bereich oder der Nachbarschaft haben.
Ihre Patientinnen und Patienten sind oft sehr jung. Wie können Sie diese überhaupt behandeln?
Es geht in der Therapie primär darum, dass sie sich ausdrücken können. Bei kleineren Kindern kann das auch auf nonverbale Weise durch Malen oder Spielen geschehen. Mit Jugendlichen ab 12 können wir gut im Gespräch arbeiten. Im Zentrum stehen der innere Schmerz und dessen Verarbeitung und die Frage, wie wir Stabilität in den Alltag bringen können. Aber: Eine Therapie kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Ursache behoben ist. Das Kind oder die jugendliche Person muss ein sicheres Umfeld haben. Entweder muss sich also die Situation zu Hause bessern, oder manchmal ist auch ein Umzug an einen geschützten Ort notwendig.
Inwiefern stehen Sie dabei mit anderen Stellen im Austausch?
Wir haben engen Kontakt mit verschiedenen wichtigen Partnern: der Opferhilfe, der KESB, der Schulsozialarbeit und dem Schulpsychologischen Dienst, aber auch mit Familienberatungen, Sozialregionen des Kantons und Haus- und Kinderärzten. Es hat sich gezeigt, dass bei Kinderschutzfällen ein enger Austausch im Helfersystem von grosser Bedeutung ist. Von anderen Stellen kann eine psychotherapeutische Behandlung empfohlen werden, allerdings ist diese bei uns immer freiwilliger Natur.
Fallen dann einige junge Personen auch durch die Maschen, weil sie gar niemandem auffallen?
Es stimmt sicher, dass nicht alle betroffenen Kinder und Jugendlichen zu uns kommen. Wir können erst aktiv werden, wenn eine psychische Auffälligkeit oder Störung vorhanden ist und sich die sorgeberechtigte Person meldet.
Sie leiten auch die Kinderschutzgruppe der Kinder- und Jugendpsychiatrie in der soH. Welche Rolle nimmt diese ein?
Es handelt sich um ein internes Gremium, in welchem ein interdisziplinärer Austausch gepflegt wird. Ärzte, Psychologinnen und Sozialarbeitende kommen zusammen und beleuchten den Fall hinsichtlich des möglichen Bedarfs für Kindsschutzmassnahmen. Sollte der begründete Verdacht auf häusliche Gewalt bestehen, werden auch Gefährdungsmeldungen an die KESB in Erwägung gezogen.
Ist das Thema heutzutage weniger ein Tabu im Vergleich zu früher?
Dank der öffentlichen Diskussionen rund ums Thema sind wir sicher an einem anderen Punkt als noch vor 20, 30 Jahren. Aber: Die Hemmschwelle, sich Hilfe zu holen, ist nach wie vor sehr hoch. Häusliche Gewalt ist für Betroffene mit viel Scham und mit einer Menge Schuld- und Loyalitätsgefühlen verbunden. Gemäss der „Optimus-Studie“ haben Kindsschutzorganisationen in der Schweiz jährlich mit rund 50’000 Kindern Kontakt. Das ist eine enorm hohe Zahl. Es ist also zu hoffen, dass immer mehr Fälle ans Licht kommen. Ganz genau weiss man das aber nicht.
Häusliche Gewalt – allgemeingültige Daten gibt es nicht
Die Dunkelziffer im Bereich der häuslichen Gewalt ist hoch. Das heisst: Man weiss gar nicht, wie viele Menschen wirklich betroffen sind, weil nicht jeder Fall gemeldet und registriert wird. Gemäss einer Studie im Auftrag von Kinderschutz Schweiz erlebt jedes siebte Kind zu Hause körperliche und jedes fünfte Kind zu Hause psychische Gewalt.
Wichtige Anlaufstellen
Brauchen Sie sofort Hilfe oder längerfristig Unterstützung? Bei diesen Stellen können Sie sich melden:
- Im Notfall: 117, 112 oder 144
- Anonyme und kostenlose Beratung: 142
- Die dargebotene Hand: 143
- Frauenhaus Aargau-Solothurn: 062 823 86 00
- Männer- und Väterhaus ZwüscheHalt Bern: 031 552 08 70
- Beratungsstelle Opferhilfe Kanton Solothurn: 062 311 86 66
Foto: Tom Ulrich, fotomtina
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