Phantomschmerzen
Wenn das Licht auch ohne Lichtschalter brennt
Schmerzen sind oft ein Alarmsignal und zeigen der betroffenen Person an, dass etwas nicht in Ordnung ist. Bei Phantomschmerzen ist die Sache etwas komplizierter. Drei Fragen an die Schmerzexperten Dr. med. Christian Seidl und Dr. med. Franz Hötschl.
Für gewöhnlich führt folgender Ablauf zu Schmerzen: Es gibt einen äusseren Reiz wie einen Schlag, der die Schmerzrezeptoren im Körper aktiviert, die unser zentrales Nervensystem auf den Plan rufen. Bei Phantomschmerzen fehlt dieser äussere Reiz, weil die Schmerzen dort auftreten, wo nach einer Amputation gar kein Glied mehr vorhanden ist. Wie kommt es trotzdem zu Schmerzen?
Dr. med. Franz Hötschl: Stellen Sie sich dazu einen Lichtschalter, elektrische Leitungen und eine Lampe vor. Der Lichtschalter wäre das betroffene Körperteil. Es gibt keinen äusseren Reiz, sprich, der Schalter wird nicht umgelegt. Aber: Bei den elektrischen Leitungen, unserem Nervensystem, kann es Defekte geben, zum Beispiel einen Kurzschluss. Dann brennt die Lampe trotzdem. Wir spüren Schmerz – auch ohne äusseren Reiz. Das Gehirn erhält eine Art Fehldiagnose von den Nervenbahnen. Diese Schmerzen nehmen Betroffene oft als brennend oder elektrisierend wahr.
Dr. med. Christian Seidl: Sie müssen dann sozusagen lernen, diese Fehlinformation anders zu interpretieren; das Gehirn muss so umtrainiert werden, dass es nicht mehr zu Schmerzempfindungen kommt.
Wie genau werden Phantomschmerzen denn behandelt, und inwiefern können auch Ansätze wie Hypnose helfen?
Dr. med. Christian Seidl: Zu unserer Zeit in der Ausbildung lernte man noch: Bei Schmerzen gibt es Medikamente. Heute handhaben wir das ganz anders bei der soH. Es gibt zwar Medikamente, die etwa einen Einfluss auf die Nervenempfindlichkeit haben und helfen können. Wir verfolgen aber einen multimodalen Ansatz in der Schmerztherapie, wo etwa auch Psycho- oder Physiotherapie zum Zuge kommen. Es gibt zudem die Spiegeltherapie, bei der wir das Gehirn mit visueller Täuschung darauf trainieren, dass alles in Ordnung und der Schmerz nur eine Fehlinformation ist. Wichtig ist auch, gemeinsam Ziele zu vereinbaren: Es wäre zwar ideal, wenn man nach einer Behandlung ganz schmerzfrei ist …
Dr. med. Franz Hötschl: … aber das ist selten. Ein realistischeres Ziel wäre etwa: Der Schmerz geht im Alltag unter. In der Therapie lernen Betroffene auch, dem Schmerz weniger Raum zu geben. Da gibt es diverse Coping-Strategien, die helfen, den Fokus an einen anderen Ort zu legen; wie eben die Hypnose oder auch die progressive Muskelrelaxation. Schmerz ist eine komplexe Wahrnehmung, es braucht deshalb auch komplexe Strategien.
Wenn das Gehirn bei der Behandlung umtrainiert wird, können Patientinnen und Patienten im Vorfeld einer Amputation schon etwas tun, um Phantomschmerzen vorzubeugen?
Dr. med. Christian Seidl: Bei einer Amputation muss es oft schnell gehen, deshalb hat man oft keine Zeit, im Vorfeld Training zu machen. Aber wir als Anästhesisten und Anästhesistinnen versuchen immer, Phantomschmerzen vorzubeugen: Wir können bei der Operation mit Nervenblockaden und Schmerzmitteln das Gehirn und die Nerven vor Schmerzen schützen. Ziel ist, dass sie diese Fehlinformationen, die zum Schmerz führen, gar nicht erst erhalten und auch nicht langfristig abspeichern. Das ist ein sehr wichtiger Punkt.
Dr. Franz Hötschl: Das ist ein sehr spannender Bereich – wir wissen nicht genau, was im Gehirn alles passiert. Bei traumatischen Amputationen, wenn es etwa nach einem Unfall schnell gehen muss, ist das Risiko für Phantomschmerzen interessanterweise geringer als bei einer Operation, die länger im Vorfeld geplant ist. Deshalb ist auch sehr wichtig, wie wir Fachpersonen mit den Patientinnen und Patienten sprechen. Wir wollen zwar klarmachen, dass das Risiko für Phantomschmerzen besteht, aber den Fokus auch nicht von Anfang an auf den Schmerz legen.
So forscht das soH-Partnerspital zum Thema Schmerz
Nicht nur in Bezug auf Phantomschmerzen wissen Fachpersonen nicht vollständig, was in unserem System alles passiert. Schmerz ist ein sehr komplexes Thema. Werden wir je alle Fragen dazu beantworten können? «Vermutlich nicht», sagt PD Dr. med. Michael Alexander Harnik. Er leitet die ambulante Schmerzmedizin am Berner Inselspital und erforscht dort auch Schmerz. Aber: «Wir müssen auch nicht jedes Detail kennen, um Menschen wirksam zu helfen. Bereits heute können wir Schmerzen lindern, Funktionen verbessern und Lebensqualität zurückgewinnen.»
Im Schmerzzentrum des Inselspitals arbeiten verschiedene Kliniken und Fachbereiche zusammen. Rund ein Dutzend Personen beschäftigen sich dort nebst dem Alltag als Arzt oder Ärztin intensiv mit der Forschung. Sie gehen etwa folgenden Fragen nach: «Warum erholen sich manche Patientinnen und Patienten rasch, während andere chronische Schmerzen entwickeln? Welche Behandlungen helfen wem?»
Im Gegenzug wollten wir von Forscher Harnik etwa Folgendes wissen: «Wie genau sieht Schmerzforschung im Alltag aus? Was sind die wichtigsten Erkenntnisse unserer Zeit zum Thema? Und: Was bringt das eigentlich Patientinnen und Patienten?»
Foto: Tom Ulrich, fotomtina
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