Somatoforme Schmerzen

«Wir sind Körper, Geist und Seele»

Was, wenn der ganze Körper über Monate weh tut, Fachpersonen aber keine eindeutige körperliche Ursache für die anhaltenden Beschwerden finden? Dann könnte es sich um somatoforme Schmerzen handeln. Behandelt werden diese etwa bei den Psychiatrischen Diensten am Kantonsspital Olten.


Maya hat Schmerzen. Im Rücken und in den Beinen. Sie war schon beim Hausarzt, auf dem Notfall, bei verschiedenen Spezialisten. Die Untersuchungen zeigten jedoch keine körperliche Erkrankung, welche die Stärke und Dauer ihrer Beschwerden ausreichend erklären konnte. Das zieht sich über Jahre. Maya kann nicht mehr arbeiten, trifft ihre Freundinnen nicht mehr und ist viel zu Hause. Wegen der Schmerzen nutzt sie die meiste Zeit einen Rollstuhl.

Das Beispiel Maya ist erfunden, beruht aber auf wahren Gegebenheiten. Patientinnen und Patienten mit somatoformen Schmerzen spüren chronische Schmerzen, die sich durch die vorhandenen körperlichen Befunde nicht ausreichend erklären lassen. «Die Schmerzen sind real – auch wenn sich in medizinischen Untersuchungen keine eindeutige Schädigung finden lässt», sagt Dr. med. Adrian Sociu, Oberarzt für Psychosomatik bei den Psychiatrischen Diensten am Kantonsspital Olten. «Körperliche, psychische und soziale Faktoren können sich bei chronischen Schmerzen gegenseitig beeinflussen.» Das sei manchmal schwer zu glauben, gerade, wenn jemand jahrelang leidet. «Aber wir sind eben Körper, Geist und Seele.» So werden Menschen wie Maya oft erst nach monate- oder sogar jahrelangem Leidensweg stationär behandelt, zum Beispiel in Olten. Hier werden die somatoformen Schmerzen in einem sechswöchigen Programm behandelt.

Baustein 1: Achtsamkeit

«Das ist die Basis», erklärt Adrian Sociu. Patientinnen und Patienten trainieren ihre Sinne, etwa bei einem Spaziergang draussen. Sie fokussieren sich dabei auf das Aussen und auf Fragen wie: «Was sehe ich? Was höre ich? Was rieche ich?» Dabei geht es nicht darum, den Schmerz zu verdrängen. Die Betroffenen üben, ihre Aufmerksamkeit bewusst zu lenken, sodass sie nicht automatisch vollständig vom Schmerz eingenommen wird.

Baustein 2: Akzeptanz

Jetzt geht der Fokus ins Innere: «Im Programm arbeiten wir viel mit Metaphern», so der Oberarzt. In diesem Teil des Programms macht er mit Patientinnen und Patienten etwa folgendes Gedankenexperiment: «Stellen Sie sich vor, Sie wären in einer Grube. Was machen Sie? Sie versuchen zu klettern, rutschen aber immer wieder ab. Dann versuchen Sie verzweifelt, Tunnel zu graben. Was passiert? Sie leiden – und die Grube wird tiefer. Die Grube steht dafür, dass ein Mensch in seinem Leiden feststeckt. Das Graben steht für Lösungsversuche, die verständlich sind, langfristig aber zusätzliches Leiden verursachen können. » Akzeptanz bedeutet nicht, den Schmerz gutzuheissen, sondern den Kampf mit ihm loszulassen und dem Leben wieder Raum zu geben.

Baustein 3: Umgang mit sich selbst

Patientinnen und Patienten bei den psychiatrischen Diensten sind oft stark leistungsorientiert und unterdrücken eigene Emotionen und Bedürfnisse. Auch hier lässt Sociu die Betroffenen ein Gedankenspiel machen: «Wenn ein guter Freund von Ihnen sagt: <Mir geht es nicht gut, ich bin wertlos und habe versagt>. Was sagen Sie? Sie bestätigen diese Aussagen nicht, sondern unterstützen den Freund. Und: Was sagen Sie sich selbst, wenn Sie solche Gedanken haben?»

Baustein 4: Werte

In diesem Teil des Programms setzen sich Patientinnen und Patienten damit auseinander, was ihnen wichtig ist. Das kann die Familie oder ein bestimmtes Hobby sein. Dann wird analysiert, ob das eigene Leben und Handeln auch nach diesen Werten ausgerichtet ist. «Es ist gut, wenn man sich Ziele formuliert», sagt der Oberarzt, «aber: Es sind Werte, die uns Orientierung im Leben geben.»

Baustein 5: Commitment

Jetzt geht es darum, dass Patientinnen und Patienten das, was sie sich vorgenommen haben, auch umsetzen. Sie lernen, dass ein Leben nicht erst dann weitergehen muss, wenn der Schmerz verschwunden ist. Auch mit Unsicherheit und schweren Gedanken können kleine Schritte zurück zu dem führen, was trägt, verbindet und dem Leben Bedeutung gibt. Ziel ist auch, dass man immer wieder etwas Neues erlebt. Das kann im Kleinen beginnen, etwa damit, dass man morgens zuerst in aller Ruhe einige Minuten aus dem Fenster schaut und dazu ein Glas Wasser trinkt.

Baustein 6: Umgang mit Gedanken

Der Ratschlag «Denk doch einfach mal positiv» ist zu kurz gegriffen. Jetzt geht es darum, dass Patientinnen und Patienten versuchen, Distanz zu gewissen Glaubenssätzen zu nehmen, und Gedanken kommen und gehen zu lassen. Dazu folgende Metapher: «Der Geist ist ein Bahnhof. Gedanken sind Züge. Man kann diese kommen und gehen lassen.» Ein konkretes Beispiel dafür wäre etwa, Abstand zu nehmen von der Stimme, die sagt: «Ich bin nicht gut genug» – und sich stattdessen klarzumachen: «Ich bemerke gerade den Gedanken, dass ich nicht gut genug bin. Ein Gedanke ist aber nicht automatisch eine Tatsache. Ich habe Gedanken, aber ich bin nicht meine Gedanken.»

Nach diesem sechswöchigen Programm sind Menschen nicht schmerzfrei, aber sie haben die Werkzeuge, um mit ihrer Situation umzugehen. Zentral ist dann, dass sie in einem ambulanten Setting weiter unterstützt werden. So erhält der Schmerz nach und nach weniger Raum und es bleibt mehr Energie für soziale Kontakte oder Bewegung. «So kann es durchaus zu Momenten kommen, in denen der Schmerz zeitweise kaum wahrgenommen wird.», so der Oberarzt. Für Patientinnen wie Maya kann das bedeuten, wieder häufiger Freundinnen zu treffen, ihre körperliche Aktivität schrittweise zu erweitern oder eine berufliche Wiedereingliederung zu prüfen.


Von somatoformen Schmerzen ist die Rede, wenn Schmerzen über einen längeren Zeitraum bestehen, mit deutlicher Belastung oder Einschränkungen im Alltag verbunden sind und sich nicht ausreichend durch eine andere Erkrankung erklären lassen. Die Symptome können begleitet werden von Schwindel oder Erkrankungen wie Depressionen. Langanhaltende Belastungssituationen oder traumatische Erfahrungen können bei manchen Betroffenen eine Rolle spielen. In der Regel wirken jedoch mehrere biologische, psychologische und soziale Faktoren zusammen. «Diese Menschen sind eigentlich dauerhaft in einem Alarmzustand», erklärt Oberarzt Sociu. «Stress, Gefühle, Aufmerksamkeit und Schmerz sind im Nervensystem eng miteinander verbunden.» Bleibt es über längere Zeit in Alarmbereitschaft, kann der Schmerz lauter und hartnäckiger werden, auch wenn medizinische Befunde sein Ausmass nicht vollständig erklären. Der Schmerz ist nicht «eingebildet», sondern eine reale Erfahrung des ganzen Menschen. Weil zuerst körperliche Probleme ausgeschlossen werden, dauert es oft Monate oder Jahre, bis Patientinnen und Patienten richtig behandelt werden. Am Kantonsspital Olten gehört neben der sechswöchigen Akzeptanz- und Commitment-Therapie auch Körpertherapie dazu.



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