Verbrennungen 

Verletzungen verändern Menschen

Die Brandkatastrophe von Crans-Montana hat die ganze Schweiz erschüttert. Der Heilungsprozess für die Opfer ist schmerzhaft und lang. Einblick mit Dr. med. Christian Tschumi, Co-Chefarzt plastische Chirurgie soH.

Es war eine der schwersten Brandkatastrophen der jüngeren Vergangenheit. Anfang Jahr starben in einer Bar in Crans-Montana 40 junge Menschen, über 100 trugen schwere Brandverletzungen davon. Von den Verletzten konnten in den darauffolgenden Wochen fast alle gerettet werden. Dass das gelungen ist, überrascht Dr. med. Christian Tschumi nicht. Heute ist er Co-Chefarzt der plastischen Chirurgie bei der soH in Solothurn und Olten, dabei kümmert er sich auch um Brandwunden. 2017 und 2018 war er Oberarzt am Verbrennungszentrum des Zürcher Unispitals. Dort behandelte er Menschen die, ähnlich wie die Opfer von Crans-Montana, schwerste Brandverletzungen erlitten hatten. Wie schafft man es, solche Patientinnen und Patienten zu retten?

Die ersten zwei Tage

«Ganz zu Beginn macht man gar nicht allzu viel», erzählt Tschumi, der gerade eine achtstündige Operation hinter sich hat. «Die Patienten werden stabilisiert, intubiert und mit Flüssigkeit versorgt.» Dann muss relativ bald die verbrannte Haut aufgeschnitten werden. Denn das Gewebe darunter schwillt an und wird hart. Der Schorf wirkt wie ein zu enger Verband und kann die Blutgefässe abklemmen. Schmerzen sind ganz zu Beginn nicht unbedingt ein Thema. Bei schweren Verbrennungen werden oftmals auch die Nerven zerstört. Manchmal helfen schwerstverbrannte Menschen am Unfallort bei der Rettung mit, ohne ihre eigenen Verletzungen zu bemerken.

Die Erstversorgung bei einer Brandkatastrophe muss nicht in einem Verbrennungszentrum passieren, sondern kann in jedem Spital mit einer Intensivstation und plastischen Chirurgie erfolgen. Auch in Solothurn und Olten bereitete man sich nach der Brandnacht von Crans-Montana vor. Angefragt, um Patienten aufzunehmen, wurden die Solothurner Spitäler schliesslich aber nicht. Andere Spitäler in der Schweiz hatten genügend Kapazitäten.

Selbst wenn jemand schwere Verbrennungen am ganzen Körper davonträgt: Daran sterben Patientinnen und Patienten in den ersten Tagen nicht – solange die Lunge oder andere Organe nicht verletzt wurden. Die wirklich schwierigen Momente folgen erst in den Wochen darauf.

Die nächsten drei Monate

Sobald die Patientinnen und Patienten stabil sind, werden sie auf Verbrennungszentren verteilt. In der Schweiz gibt es in Zürich und Lausanne solche hochspezialisierten Abteilungen. Alle übrigen Patientinnen und Patienten von Crans-Montana wurden ins Ausland verlegt. Nach fünf Tagen war die letzte Person verlegt worden. Tschumi: «Von aussen betrachtet funktionierte der Notfallplan sehr gut.»

In den Zentren arbeitet eine ganze Fülle von Disziplinen an den Verletzten: Nebst der plastischen Chirurgie sind das die Intensivmedizin und Intensivpflege, Pneumologie, Kardiologie, Physiotherapie und Ernährungsberatung. Aber auch Ethiker und Psychiater. Denn bevor mit der Behandlung überhaupt begonnen wird, werden Fragen geklärt wie: Wie weit geht man bei der Behandlung? Was macht Sinn und was ist der Wille des Patienten? Und: Welches Leben ist noch lebenswert? «Solch schwere Verbrennungen verändern Menschen», sagt Tschumi. Weil der Heilungsprozess so lange dauert. Weil er so schmerzhaft ist. Und weil sich manche danach selber kaum mehr erkennen. Betroffen ist in solchen Fällen immer auch das Umfeld der Patienten. Allerdings: Nach Crans-Montana stellten sich solche Fragen eher weniger. Die Opfer waren alle jung und haben noch einen Grossteil ihres Lebens vor sich.

Im Grunde geht es bei der Behandlung von Schwerst-Brandverletzten darum, die Patienten am Leben zu erhalten, bis genügend eigene Haut oder im Labor gezüchtete Haut vorhanden ist, die transplantiert werden kann. Dieser Prozess dauert oft einige Wochen. Wochen, in denen den Verletzten die Schutzschicht der eigenen Haut fehlt. Sie sind anfällig für Infekte, verlieren viel Flüssigkeit und können, sobald die Temperatur unter 35 Grad sinkt, innert kürzester Zeit sterben. Unter 35 Grad Körpertemperatur kommt es zu Gerinnungsstörungen und die Patienten verlieren viel Blut.

Regelmässig werden die Patienten gebadet und am ganzen Körper desinfiziert. In den Bädern und in den Operationssälen ist es 35 Grad warm – auf der Station sind die Menschen in Verbände eingepackt. Um die Patienten zu schützen, können sie in der Anfangszeit mit gespendeter Haut von Leichen gedeckt werden. Diese sorgt für einen gewissen Schutz.

Sobald die Leichenhaut beginnt, einzuwachsen, wird sie entfernt. Ab dann kann eigene Haut, die gesunden Stellen des Körpers entnommen wird, oder im Labor gezüchtete Haut verpflanzt werden. Nach und nach beginnt man dann, die Patienten, die bis dahin im künstlichen Koma waren, zurückzuholen. Dieser Prozess ist sehr schmerzhaft.

Grundsätzlich könnte auch gewartet werden, bis die Haut der Patientinnen und Patienten von selbst nachwächst. Das dauert bei schweren Verletzungen aber viel zu lange und ist damit nicht wirklich eine Option.

Fast alle Verletzten von Crans-Montana konnten gerettet werden. Eine einzige Person, ein 18 Jahre junger Mann, starb einen Monat nach dem Brand im Spital in Zürich nach einem schweren Infekt. Anfang April, etwas mehr als drei Monate nach dem Brand, konnte die letzte Person von der Verbrennungsstation entlassen werden.

Die Zukunft

Auch wenn die meisten Verletzten gerettet werden konnten: Die Narben der Brandnacht werden sie für den Rest ihres Lebens mit sich tragen. Sichtbare wie unsichtbare. Die transplantierte Haut schmerzt zu Beginn, ist hart und kann immer wieder reissen. Manche Opfer berichten, dass sich die neue Haut wie ein Panzer anfühlt. Sie brauchen Kompressionswäsche und regelmässige Physiotherapie, bis die neue Haut nach Monaten endlich weicher wird. Auch die Talgdrüsen, die die Haut fetten, fehlen, so dass die Haut permanent eingesalbt werden muss. Und gerade an heiklen Stellen, an Fingern oder Augen, können die Narben Probleme machen, es muss oft erneut eingegriffen werden. «Solche Patienten müssen in der Regel sehr viele Operationen über sich ergehen lassen», sagt Tschumi.

Langfristig wird die Haut zwar weich, sie bleibt aber anfälliger für Wunden und auch für Hautkrebs. «Die Narben hat man ein Leben lang. Solche Verletzungen verändern Menschen.» Und trotz allem: Dass so viele junge Menschen gerettet werden konnten, ist ein grosser Erfolg für die moderne Verbrennungsmedizin.


Welche Verbrennungen behandelt die soH?

Verbrennungen werden, je nach Schweregrad, in vier Kategorien eingeteilt.

  • Grad 1: Leichte Verbrennung, Rötung der Haut, zum Beispiel Sonnenbrand. Heilt von selbst.
  • Grad 2: Mittelschwere Verbrennung, Blasenbildung. Es gibt zwei Unterkategorien: 2a umfasst schmerzhafte und feuchte Wunden, die von selbst heilen. 2b umfasst Verletzungen mit weniger Schmerzen, trockene Wunden, die mit Narben innerhalb von sechs Wochen heilen. Meist wird Haut transplantiert.
  • Grad 3: Schwere Verbrennung, alle Hautschichten werden zerstört. Heilt nur sehr langsam. In der Regel wird gesunde Haut transplantiert. Wird nicht operiert, sind Infektionen die Regel.
  • Grad 4: Nicht nur die Haut, auch Muskeln, Sehnen und Knochen sind zerstört. Meist bei Starkstromverletzungen. Die Verletzung braucht ausgedehnte chirurgische Eingriffe bis hin zu Amputationen und rekonstruktiven Eingriffen.

In Solothurn und Olten behandeln die Notfallstationen, und falls nötig die plastische Chirurgie, Verbrennungen aller Kategorien. Schwerere Verletzungen werden aber nur in Solothurn oder Olten behandelt, wenn weniger als 20 Prozent der Körperoberfläche betroffen sind (respektive weniger als 10 Prozent bei Kategorie 3). Das entspricht in etwa einem Bein. Alle schwerwiegenderen Fälle werden an die Verbrennungszentren überwiesen. Eine Ausnahme gibt es: Bei schweren Verbrennungen an den Händen, den Genitalien oder im Gesicht werden Patientinnen und Patienten an die Verbrennungszentren überwiesen. Diese Behandlungen sind besonders heikel.

Mit Sonnenbränden, selbst ganz schweren, haben Christian Tschumi und sein Team praktisch nie zu tun. Kommen Patientinnen und Patienten damit auf den Notfall, erhalten sie eine Salbe. In seltenen Fällen kommt es zu Blutdruckprobleme, dann wird der Patient stationär aufgenommen.

Am häufigste hat es die plastische Chirurgie mit Verbrennungen der Kategorie 2 zu tun. Im Schnitt etwa mit einem Fall pro Woche. Die Klassiker: Verbrühungsverletzungen, etwa wegen verschüttetem, heissem Tee. Oder jetzt, in der Grillsaison, Stichflammen im Gesicht oder an den Händen, die beim Entzünden des Grills entstanden sind. Auch Verätzungen durch Säure oder Lauge werden behandelt. Am 1. August und an Sylvester häufen sich Feuerwerksverletzungen. Diese hätten aber stark abgenommen, seit die ganz grossen Böller verboten wurden. Im Winter würden zudem häufig Patienten eingeliefert, die sich beim Entzünden des Fondues verletzt haben.

Wirklich gefährlich sind all diese Verletzungen aber nicht. Allerdings sehr schmerzhaft. Früher wurden solche Verletzungen einbandagiert, die bemitleidenswerten Patienten mussten täglich im Spital die Verbände wechseln lassen. Heute gibt es eine Kunsthaut, die auf die Wunde gelegt werden kann und sich mit dieser verbindet. Diese Kunsthaut lindert die Schmerzen. Nach etwa zwei Wochen, sobald die eigene Haut nachgewachsen ist, fällt die Kunsthaut ab.



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