LONG-COVID

Der lange Weg zurück

Rund zehn Prozent aller Covid-19-Erkrankten leiden unter Langzeitfolgen. Weshalb, ist unklar. Was man aber weiss: Die allermeisten Patientinnen und Patienten erholen sich. Es braucht aber Geduld. Viel Geduld.

Manche können keine zehn Treppenstufen mehr hochgehen und sind vor der Erkrankung Mara­thondistanzen gelaufen. Andere leiden unter Kopfschmerzen, starker Müdigkeit, Atemnot, Muskelschmerzen, Herzrasen oder können sich kaum mehr konzentrieren. Vor der Corona-Infektion aber waren sie vital und leistungsfähig. «Long-Covid-Patienten stellen die Wissenschaft aktuell immer noch vor Rätsel», sagt Dr. med. Marc Maurer, Leitender Arzt Pneumologie am Kantonsspital Olten. Der Lungenarzt und sein Team betreuen Patientinnen und Patienten mit Spätfolgen der Covid-Erkrankung in Zusammenarbeit mit der Neurologie und der Infektiologie.

Organschäden sind sehr selten

Long-Covid-Patienten sind zwischen 30 und 80 Jahre alt, Frauen sind in der Tendenz etwas häufiger betroffen als Männer. Aber das seien Beobachtungen und keine wissenschaftlichen Fakten, so Maurer. Wenn seine Patienten zur Messung der körperlichen Leistung auf den Hometrainer steigen, «können wir klar dokumentieren, dass die Lunge zwar funktioniert, die Leistungsfähigkeit insgesamt aber massiv eingeschränkt ist.» Das liegt nicht an der Motivation oder an Organschäden, sondern daran, dass das gesamte Zusammenspiel von Herz, Lunge, Muskulatur und Gefässen nicht mehr funktioniere. «Corona kann zu einer Entzündung im gesamten Körper führen und so auch verschiedene Organe betreffen.»

Was ist Long-Covid

Medizinisch spricht man von einem Post-Covid-Syndrom, der Begriff Long-Covid etabliert sich jedoch immer mehr. Als Long-Covid-Patienten gelten Personen, bei denen die Symptome länger als 12 Wochen andauern, die unter Kurzatmigkeit, dem Müdigkeitssyndrom Fatigue, Stress, Konzentra­tionsstörungen, Brustschmerzen oder anderen Folgen der Infektion leiden. Am häufigsten treten die Symptome Müdigkeit und Kurzatmigkeit auf. Von Long-Covid-Symptomen können alle Menschen betroffen sein, jung, alt, Leistungssportlerinnen oder auch Menschen mit Vorerkrankungen. Tendenziell sind eher Menschen betroffen, die einen schweren Erkrankungsverlauf durch­gemacht hatten. Man schätzt aber auch, dass 10 bis 20 Prozent der Patienten, bei denen die Coronainfektion keine Symptome auslöste, Long-Covid-Folgen haben können.

Patienten in allen Bereichen aufbauen

Long-Covid-Patienten fallen mental oft in ein Loch, da zwischen dem, was sie erwarten und dem, was passiert, eine grosse Diskrepanz besteht. «Nach einer schweren Erkältung ist man ja meistens noch ein, zwei Wochen nicht so fit, merkt jedoch sehr rasch, wie die Form Tag für Tag wieder zurückkommt. Bei Long-Covid hingegen gehts einfach nicht mehr bergauf.» Das verunsichere viele, so Marc Maurer.

Die Therapie bei Long-Covid-Symptomen ist zwar simpel, erfordert aber Willen und Disziplin. «Es ist sehr wichtig, dass trotz Erschöpfung und Müdigkeit der Organismus stetig gefordert, jedoch nicht überfordert wird», so der Lungenfacharzt. Deshalb würde er mit den Patientinnen und Patienten kleine Ziele formulieren, damit sie motiviert bleiben.

Am Kantonsspital Olten und am Bürgerspital Solothurn gibt es seit ein paar Monaten auch Gruppentherapien, in denen Long-Covid-Patienten gemeinsam trainieren (siehe Kasten). «Bei Long-Covid arbeiten wir viel auf der Metaebene: Training, Support, Motivation. Als Arzt hätte ich zwar lieber wissenschaftlich gesicherte Fakten, die es aber noch nicht gibt.» Die Resultate der Therapie, betont Marc Maurer, seien deshalb aber nicht weniger gut. Wenn die Patientinnen und Patienten nach langer Zeit ihre Form wieder zurückerhalten, so geschieht diese Rückkehr zur Normalität langsam, eher schleichend. Der Wow-Effekt bleibt dabei aus, es sei vielmehr ein fliessender Prozess.

Was tun bei Long-Covid?

Am Kantonsspital Olten und am Bürgerspital Solothurn gibt es neu für Patientinnen und Patienten, die unter Long-Covid-Symptomen leiden, interdisziplinäre Sprechstunden und Gruppenangebote.
Folgende Punkte stehen im Zentrum der Angebote:

  • Abklärung, ob andere Erkrankungen die Symptome verursachen
  • Erarbeiten von Selbstmanagement-Strategien im Umgang mit Atemnot, Schmerzen und Erschöpfung
  • Verbesserung der körperlichen Belastbarkeit
  • Austausch zu Bewältigungsstrategien in der Gruppe

Informationen Post-Covid-Gruppen

Kantonsspital Olten (KSO)
Pneumologie
T 062 311 43 46, pneumologie.kso@spital.so.ch
Broschüre

Bürgerspital Solothurn (BSS)
Physiotherapie
T 032 627 41 41, physiotherapie.bss@spital.so.ch
Broschüre


Weitere Beiträge

«Es wurde nie um den heissen Brei geredet»

Alexandra Peiske, 35, erhielt während der Schwangerschaft die Diagnose Brustkrebs. Was sie nie wollte ist, dem Krebs zu viel Raum geben.

Die vier Beleghebammen gehen nebeneinander her

Individuell und mit viel Zeit begleitet

Werdenden Eltern steht am Kantonsspital Olten neu ein weiteres Geburtsmodell zur Verfügung: die Beleghebammengeburt mit den Beleghebammen Olten.

Wenn jeder Schritt schmerzt

Wer sein Knie nicht mehr ohne Schmerzen bewegen kann und alle konservativen Therapien ausgeschöpft hat, braucht in aller Regel eine Knieprothese. Danach ist man noch nicht schmerzfrei. Man kann es aber werden.