Herzinfarkt

Gleiche Krankheit, andere Symptome

Bei einem Herzinfarkt zählt jede Minute. Doch Männer und Frauen zeigen oft unterschiedliche Symptome – mit entscheidenden Folgen. Prof. Dr. med. Stefan Stortecky, Chefarzt der Kardiologie soH, klärt auf.

Jedes Jahr erleiden in der Schweiz rund 30 000 Menschen einen Herzinfarkt. Je schneller Betroffene behandelt werden, desto besser sind die Heilungs- und Erholungschancen. «Time is muscle», fasst Prof. Dr. med. Stefan Stortecky zusammen: «Je weniger Zeit zwischen dem Beschwerdebeginn, der richtigen Diagnose und der Behandlung vergeht, desto mehr Herzmuskel kann erhalten werden.» Problematisch ist, dass Frauen oft andere Symptome zeigen als Männer – und der Infarkt dadurch später erkannt wird. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

 

Wie unterscheiden sich die Herzinfarkt-Symptome bei Frauen und Männern?

«Der Herzinfarkt gilt immer noch als Männerkrankheit», erklärt Stefan Stortecky. «Auch in Standardwerken für Studierende sieht man meist einen Mann, der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an die Brust fasst. Entsprechend sind die klassischen Symptome – starker Druck oder ein Brennen in der Brust sowie Schmerzen im linken Arm, die bis in den Kiefer ausstrahlen können – in den Köpfen der Bevölkerung fest verankert.» Bei Frauen seien die Symptome unspezifischer.  «Frauen klagen über Schmerzen im Oberbauch oder im Rücken, über Schwindel oder eine extreme Müdigkeit, die sie vorher noch nie so erlebt haben.»

 

Warum wird der Herzinfarkt bei Frauen später erkannt?

Unspezifische Symptome führen dazu, dass Herzinfarkte bei Frauen später erkannt werden – manchmal auch, weil die Betroffenen selbst abwarten. «Treten Beschwerden beispielsweise am Freitag auf, wird der Arztbesuch nicht selten auf Montag verschoben. In solchen Fällen laufen wir Ärztinnen und Ärzte nur noch hinterher, weil unter Umständen bereits ein grosser Teil des Herzmuskels geschädigt ist.» Hinzu kommt: Viele Frauen stellen die eigenen Bedürfnisse hinten an. «Gerade in der älteren Generation werden der Haushalt, Alltagsaufgaben und Bedürfnisse von Angehörigen priorisiert und der eigene Arztbesuch gerne aufgeschoben.»

Auch die Teilnahme an der wichtigen kardialen Rehabilitation nach einem Herzinfarkt wird unter diesen Gesichtspunkten häufig verschoben oder nur zum Teil absolviert. Und das, obwohl beide Geschlechter gleichermassen von Rehabilitationsmassnahmen profitieren würden. Die Gründe dafür sind unterschiedlich: «Die Patientinnen wollen früher nach Hause oder sind manchmal gar nicht bereit, lange von daheim wegzubleiben. Und wenn sie teilnehmen, treten sie häufig später in die Rehabilitation ein, weil sie ihre Abwesenheit gut organisieren möchten. Das kann den langfristigen Erfolg der Herzbehandlung und die Genesung relevant beeinträchtigen», so der Chefarzt.

 

Gibt es geschlechterspezifische Risikofaktoren?

Grundsätzlich unterscheiden sich die Hauptrisikofaktoren für einen Herzinfarkt bei Männern und Frauen nicht. Eine wichtige Rolle spielen Lebensstilfaktoren wie Rauchen, ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, Stress und Übergewicht sowie Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes und Fettstoffwechselstörungen oder ein hoher Cholesterinspiegel. Nicht beeinflussbar sind hingegen Faktoren wie das Alter und genetische Veranlagungen. Bei Frauen gibt es jedoch zusätzliche Risiken. «Während einer Schwangerschaft können Bluthochdruck oder Schwangerschaftsdiabetes auftreten und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen dauerhaft erhöhen», so Stortecky.

Auch Stress spielt für Frauen aufgrund psychosozialer Faktoren häufig eine grössere Rolle, wie Stefan Stortecky erklärt: «Frauen sind häufiger von Depressionen oder chronischem Stress betroffen, und das wirkt sich negativ auf die Herzgesundheit aus. Dabei geht es nicht nur um Stress am Arbeitsplatz, sondern auch um Belastungen in der Familie, die oft unterschätzt werden. Ist die Belastung im Familienalltag über Jahre gross, kann sich das auf die Herzgesundheit auswirken.»

 

Welche Rolle spielt der Hormonhaushalt?

Das weibliche Sexualhormon Östrogen schützt die Gefässe und wirkt bis zu den Wechseljahren wie ein natürlicher Schutzschild gegen Herzinfarkte. Mit dem Absinken des Hormonspiegels um das 50. Lebensjahr geht dieser natürliche Schutz verloren – und das Herzinfarktrisiko steigt.

 

Gelten für sie und ihn die gleichen Präventionsmassnahmen?

Die wichtigsten Massnahmen zur Vorbeugung eines Herzinfarktes gelten für Frauen und Männer gleichermassen. Regelmässige Bewegung, eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse und gesunden Fetten, wie sie in der Mittelmeerdiät empfohlen werden, sowie der Verzicht auf Rauchen und übermässigen Alkoholkonsum tragen entscheidend zur Herzgesundheit bei. Ebenso wichtig ist es, Stress zu reduzieren und ausreichend Erholungs- und Entspannungsphasen einzuplanen. Wer Blutdruck und den Cholesterinspiegel regelmässig kontrollieren lässt und Vorsorgeuntersuchungen wahrnimmt, kann Risikofaktoren frühzeitig erkennen und behandeln. «Ein gesunder Lebensstil ist die beste Prävention – unabhängig vom Geschlecht», betont Stortecky.


Gesundheitswoche Radio 32

Im Gespräch mit Prof. Dr. med. Stefan Stortecky, Chefarzt der Kardiologie soH. Hören Sie rein.



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