Sexuelle Gesundheit

Mehr Nähe durch Offenheit

Über die eigene Sexualität zu sprechen, kann viel Überwindung kosten. Gerade dann, wenn etwas nicht funktioniert. Viele Männer sind aber immer mehr dazu bereit, in der urologischen Praxis über Probleme zu sprechen.

Die Urologie ist ein breites Fachgebiet, Gespräche über Probleme im Bett gehören nicht unbedingt zu den Kernthemen des Bereichs. Und doch kommt es regelmässig vor, dass Patienten auch über ihre sexuelle Gesundheit sprechen wollen. Zum Beispiel dann, wenn Erektionsprobleme die Partnerschaft oder die eigene Psyche belasten. «Ich stelle eine zunehmende Offenheit der Männer fest. Gerade junge Männer kommen heute auch früher in die Praxis und befassen sich mit der Prävention von unterschiedlichen Erkrankungen», sagt Prof. Dr. med. Marc Furrer, Chefarzt und Klinikleiter Urologie am Bürgerspital Solothurn und Kantonsspital Olten. Zusätzlich hätten psychische Belastungen, die sich auch auf die sexuelle Gesundheit auswirken, in den letzten Jahren zugenommen. Stress, Leistungsdruck und depressive Verstimmungen helfen nicht unbedingt dabei, sich fallen zu lassen und körperliche Nähe zu geniessen.

Eine ganzheitliche Perspektive

Gerade, weil sowohl körperliche als auch psychische Ursachen Grund für sexuelle Probleme sein können, ist die urologische Beratung nur manchmal ein Teil der Lösung. «Die Urologie spielte eine zentrale Rolle bei der Diagnose von körperlichen Ursachen sexueller Funktionsstörungen. Dazu gehören Erektionsstörungen, vorzeitiger Samenerguss, Libidoverlust, hormonelle Störungen wie Testosteronmangel», präzisiert Marc Furrer. Auch Infertilität, Infektionen oder strukturelle Veränderungen der Geschlechtsorgane, zum Beispiel Verformungen des Penis, werden in der urologischen Praxis besprochen und behandelt.

Bei anderen Anliegen ist dagegen eine psychologische Beratung die richtige Anlaufstelle. Zum Beispiel dann, wenn Betroffene ohne erkennbare körperliche Ursachen an sexueller Unlust leiden oder wenn Partnerschaftskonflikte im sexuellen Bereich vorherrschen. Oder aber, wenn traumatische Erfahrungen aus der Vergangenheit sich auf das Sexualleben auswirken oder eine Suchtberatung wegen zu viel Pornografie-Konsum notwendig ist.

«Oftmals arbeiten Urologen und Sexualtherapeuten aber auch interdisziplinär zusammen», erklärt Marc Furrer. Auch deshalb, weil nicht immer eine klare Linie zwischen körperlichen und psychischen Ursachen gezogen werden kann. «Körperliche Ursachen können psychische Probleme verstärken oder auslösen. Umgekehrt können psychische Probleme auch körperliche Symptome imitieren. Ein ganzheitlicher Blick ist daher entscheidend.» Auch Endokrinologen, Neurologen oder Dermatologen können bei speziellen Fragestellungen beteiligt sein.

In diesen persönlichen Gesprächen sei es wichtig, dass die Patienten sich ernst genommen und nicht unter Druck gesetzt fühlen. «Manchmal ist es ein Prozess über mehrere Gespräche, in denen wir den Patienten empathisch und ohne Bewertung begegnen», so Marc Furrer. Für den Vertrauensaufbau sei auch eine klare Sprache wichtig, medizinische Fachbegriffe sind zweitrangig.

Umfassende Bestandesaufnahme für die richtige Therapie

Kommt ein Patient mit Erektionsstörungen in die Praxis, ist dieses umfassende Gespräch der erste Schritt. Es werden die Symptome und deren Dauer, die psychische Verfassung des Patienten, die Lebenssituation sowie der Lebensstil und der aktuelle Konsum von Medikamenten besprochen. Danach folgt die körperliche Untersuchung mit Fokus auf die Genitalien, die Prostata und das Herz-Kreislauf-System. Ergänzend helfen hormonelle Untersuchungen wie die Erfassung des Testosteronspiegels dabei, körperliche Ursachen für die bestehenden Probleme zu finden. Viele Probleme können nach der Diagnose mit Medikamenten behandelt werden, in anderen Fällen helfen eine Hormontherapie oder ein kleiner operativer Eingriff weiter.

Trotz einer zunehmenden Offenheit in der Gesellschaft gibt es laut Marc Furrer noch immer falsche Vorstellungen bezüglich der männlichen sexuellen Gesundheit. «Zum Beispiel, dass Erektionsprobleme nur im Alter auftreten oder das ‘echte’ Männer immer Lust haben», so der Urologe. «Auch, dass Testosteron aggressiv macht oder Viagra gefährlich ist für das Herz, stimmt so nicht. Viagra kann sogar Gefässschützend wirken». Nicht zu vergessen das ewige Märchen davon, dass Masturbation schlecht ist und der männlichen Potenz schadet. «Die Mythen setzen viele Männer unter Druck und führen zu falscher Scham». Eine Scham, die in der urologischen Praxis mittlerweile Schritt für Schritt abgebaut wird.


Hören Sie unseren Podcast „SO gesund“

Der erste Besuch einer jungen Frau bei der Frauenärztin erfolgt in frühen Jahren – oft in Begleitung der Mutter. Doch wann suchen Männer zum ersten Mal den Urologen auf? Mit dieser Frage steigt Moderator Dominic Lüdi in den Podcast ein. Sein Gesprächspartner Professor Marc Furrer, Chefarzt Urologie bei der soH, gibt einen tiefen Einblick in sein Fachgebiet.


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