HNO

Kurz und heftig: Ohrenschmerzen

Schmerzen im Ohr gehören zu den fiesesten überhaupt – gleichzeitig können die meisten Fälle rasch von Hausarzt oder Kinderärztin erkannt und behandelt werden. Nur in wenigen Fällen gibt es Komplikationen. Diese Patientinnen und Patienten landen früher oder später bei einem HNO – zum Beispiel bei Dr. med. Patrick Dubach, Chefarzt HNO am Bürgerspital Solothurn.

Ohrenschmerzen können sich durch das ganze Leben eines Menschen ziehen: «Es ist oft eine der ersten Schmerzerfahrungen, die wir machen», weiss Patrick Dubach, Chefarzt HNO beim Bürgerspital Solothurn. Gleichzeitig kann der Schmerz auch Seniorinnen und Senioren heimsuchen. Heftig ist er immer – je nach Altersgruppe sind aber ganz unterschiedliche Erkrankungen typisch:
  • Mittelohrentzündung: Kinder zwischen dem sechsten Lebensmonat und dem sechsten Lebensjahr sind besonders häufig betroffen, weil ihre eustachische Röhre noch verkürzt ist. Und genau diese Röhre, die Nasen-Rachen-Raum mit dem Mittelohr verbindet, ist bei einer Erkrankung entzündet. So entsteht ein laut Dubach klopfender Dauerschmerz, der oft von Fieber begleitet ist.
  • Bade Otitis: Dieses Problem kennen vorwiegend junge Menschen. Nach dem Sprung ins kühle Nass im Sommer ist der Gehörgang entzündet, weil er etwa von einem Pilz befallen ist. Auch dieser Schmerz ist stark, wird bei Druck aufs Ohr extrem verstärkt und tritt oft zusammen mit mühsamem Juckreiz auf.
  • Entzündung des äusseren Gehörgangs: Vor allem ältere Menschen kennen dieses Leiden, wobei Bakterien eine Entzündung verursachen können, was einen stechenden Schmerz auslöst. Der Schmerz tritt dann bei Bewegungen des Gehörgangs auf, etwa beim Kauen, oder, wenn Druck auf das Ohr besteht, was Einschlafen selbst auf dem Kopfkissen unmöglich macht.

Der drittschlimmste Schmerz überhaupt

 «Es ist ein unglaublich vernichtender Schmerz», sagt Dubach über den Ohrenschmerz im Allgemeinen. Messbar ist dies bekanntlich nicht, aber: Gemäss Berichten von Patientinnen und Patienten sei der Ohrenschmerz nach dem Geburtsschmerz und der Nierenkolik (etwa aufgrund eines Nierensteins) wohl der schlimmste Schmerz überhaupt. Die gute Nachricht: «In den allermeisten Fällen sind Ohrenschmerzen ganz leicht behandelbar.» So könnten in 98 Prozent der Fälle der Hausarzt oder die Kinderärztin Abhilfe schaffen. Mithilfe von Ohrspiegel und Stimmgabel werden Gehörgang und Gehör untersucht. So ist schnell klar, ob wirklich das Ohr betroffen ist. Denn: Im Kopf ist vieles auf engem Raum miteinander verbunden. Nicht selten glauben wir, Ohrenschmerzen zu haben, obwohl eigentlich unsere Mandeln entzündet oder unser Kiefergelenk verspannt ist. Da hilft der Besuch bei der Fachperson.

Tropfen oder Tabletten?

Beim Blick ins Ohr wird auch klar, ob das Trommelfell ein Loch hat. Das ist für die Behandlung zentral. Denn: In der Regel werden Tropfen oder Tabletten verschrieben. Tropfen wirken in der Regel sofort, weil der Wirkstoff so hoch konzentriert ist und direkt auf die entzündete Stelle gelangt. Diese dürfen aber ohne ärztliche Aufsicht nur angewendet werden, wenn das Trommelfell nicht beschädigt ist. Meist werden Ibuprofen-Tabletten erfolgreich eingesetzt, was viele Menschen bereits in der Hausapotheke zur Hand haben und gut einnehmen können, wenn der Ohrenschmerz etwa in der Nacht auftaucht. So können Ohrenschmerzen auch zu Hause auskuriert werden, wobei laut Dubach die Faustregel gilt: «Wenn der Schmerz innert 48 bis 72 Stunden nicht abklingt, sollte man zum Arzt oder zur Ärztin.» Das ist auch nötig, wenn folgende Symptome dazukommen: anhaltend hohes Fieber mit Erbrechen, Schwellungen des Ohrs, Lähmungen im Gesicht, oder Ohrschwindel (bei dem sich die Umgebung in eine Richtung bewegt). Ob mit Tabletten oder Tropfen behandelt: Ohrenschmerzen sind in der Regel in wenigen Tagen vorbei. Das ist zumindest in wie erwähnt 98 Prozent der Fälle so. Bleiben zwei Prozent, in denen das etwas komplizierter ist.

Wenn das Trommelfell zu oft geplatzt ist

Auch das kennen einige vielleicht aus der Kindheit: Plopp – das Trommelfell platzt, Eiter läuft raus, und der Schmerz lässt endlich nach. Das tut im ersten Moment gut, aber: «Das Trommelfell heilt sich nur die ersten 10- oder 20-mal selbst», erklärt der Experte. Dann ist Schluss. Das Ohr hat dann genug von ständigen Entzündungen und Verstopfungen der eustachischen Röhre – es schafft ein Loch im Trommelfell, um die fehlende Belüftung der Röhre zu ersetzen. Damit ist eine wichtige Schutzbarriere in unserem Ohr beschädigt. Im schlimmsten Fall kommt es zu chronischen Entzündungen. Das sind dann die Fälle, die beim HNO landen. Dubach entscheidet mit seinen Patientinnen und Patienten, wie es dann weiter geht, damit unter anderem das Innenohr gut geschützt ist. Für einige ist es tragbar, im Alltag einen Wasserschutz zu verwenden, für andere ist die Lebensqualität deutlich höher, wenn das Trommelfell bei einer Operation repariert wird. Diese schweren Fälle kommen vergleichsweise selten vor – und tödlich sind Ohrenentzündungen schon lange nicht mehr. Das war etwa in den 50er Jahren der Fall, als unbehandelte Entzündungen noch zu Abszessen und Hirnhautentzündungen führten. Aber: Es gibt Familien, die anfällig sind für das Thema, weil Ohrenentzündungen je nach genetischer Veranlagung und Körperbau häufiger vorkommen. Dann kann es theoretisch sogar sein, dass ein HNO wie Dubach generationenübergreifend Patientinnen und Patienten behandelt: den 92-jährigen Senior mit chronischem Ohrenschmerz, und dessen zweijährigen Urenkel mit Mittelohrentzündung.


Querschnitt des Ohrs:


5 Tipps vom HNO

Die genetische Veranlagung spielt beim Thema Ohr eine grosse Rolle. Wir können Schmerzen also nicht immer vermeiden. Aber: Wir können einige Tricks anwenden – und sollten von gewissen Dingen dafür die Finger lassen:

  • Nasenduschen: Sie reduzieren die Krankheitskeime, weil im Kopf, wie erwähnt, so Vieles auf engem Raum verbunden ist, wirkt sich die Gesundheit der Nasenschleimhäute auch auf das Ohr aus. So kann ein «Pfnüsel» zu einer Ohrenentzündung führen und umgekehrt.
  • Kühlung: Mit einem Kühlpad können wir Schmerzen lindern. Warme Wickel sind dafür ein No-Go, weil Bakterien diese höheren Temperaturen lieben. Zwiebelwickel und Ohrenkerzen werden zwar gerne verwendet – es gibt aber keine Beweise dafür, dass dies auch wirklich hilft.
  • Sonnenbad für Kopfhörer: Gerade In-Ear-Kopfhörer, die wir in unsere Ohren stecken, sollten wir regelmässig reinigen, oder eben an die Sonne legen: Gegenüber dem Sonnenlicht haben Bakterien keine Chancen. Grundsätzlich gilt beim Thema Kopfhörer auch: Dem Ohr immer wieder mal Pause gönnen, damit es sich erholen kann.
  • Finger weg von Wattestäbchen: Damit stopfen wir Dreck oder Bakterien nur tiefer ins Ohr. Bei einem Pilzbefall wird die angeschlagene Haut im Gehörgang zusätzlich gereizt. Das Ohr muss vom Ohrenschmalz auch gar nicht gänzlich befreit werden, damit reinigen sich die Ohren nämlich selbstständig und spülen etwa Bakterien raus.
  • Geduld haben: In den allermeisten Fällen sind wir dank Tropfen oder Tabletten schnell schmerzfrei. Gerade bei einer Mittelohrentzündung dauert es aber länger, bis auch das letzte an entzündlicher Flüssigkeit abgeflossen und das Wassergefühl mit Hörminderung im Ohr verschwunden ist. Der Körper braucht also Ruhe, auch damit er sich nicht gleich wieder eine Erkältung einfängt, die dann wieder aufs Ohr schlagen kann.



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