Anästhesiologie
«Schmerz ist nicht unser Feind»
Ein Spital ohne Schmerz gibt es nicht. Laut Dr. med. Christian Seidl und Dr. med. Franz Hötschl ist das auch gut so. Der Chefarzt Anästhesiologie & Intensivmedizin und der Oberarzt Anästhesiologie und Schmerztherapie über die Entstehung von Schmerzen und den richtigen Umgang damit. Den braucht es bei diesem Thema nämlich nicht nur im Spital.
Aua. Wir alle kennen dieses Gefühl. In Gedanken versunken fassen wir mit blossen Händen die heisse Auflaufform im Ofen an, oder wir stossen nachts schlaftrunken mit dem kleinen Zeh gegen die Bettkante. Die meisten würden Schmerz wohl als etwas Negatives beschreiben. Experten widersprechen da: «Es ist gut, dass wir Schmerzen fühlen. Menschen ohne Schmerzempfinden landen früher oder später im Leichenschauhaus.»
Das sagen Christian Seidl und Franz Hötschl. Der Chefarzt Anästhesiologie & Intensivmedizin und der Oberarzt Anästhesiologie und Schmerztherapie kommen im Bürgerspital Solothurn täglich mit dem Thema in Berührung, sei es bei Operationen, wenn es darum geht, dass Patientinnen und Patienten nichts spüren sollen, oder in der Sprechstunde, wenn es darum geht, die richtige Behandlung für Betroffene zu finden. «Der Schmerz ist zwar eine unangenehme Wahrnehmung, letztendlich brauchen wir ihn aber: Er weist immer auf einen Defekt oder ein Problem hin», so Hötschl.
Schmerz ist ein einfacher Begriff – das Konzept dahinter unglaublich komplex
Damit ein Schmerz überhaupt entsteht, braucht es in der Regel einen Reiz, wie etwa die eingangs erwähnte Auflaufform. Nebst physischen können aber auch chemische Reize Schmerz auslösen, beispielsweise Entzündungen. Der Reiz aktiviert Schmerzrezeptoren im Gewebe des Körpers. Diese wiederum leiten via Nervensystem Signale an Rückenmark und Gehirn. «So erhalten wir auch die Information: Wir müssen etwas tun, damit der Schmerz aufhört», erklärt Seidl. Das geschieht blitzschnell – im Bruchteil einer Sekunde ziehen wir die Finger von der heissen Auflaufform zurück.
Kopf, Zähne, Rücken – brennend, stechend, elektrisierend: Es gibt unzählige Arten von Schmerzen, und diese wiederum können in zahlreiche Kategorien eingeteilt werden: Es gibt zum Beispiel nozizeptiven Schmerz, ausgelöst durch physische Reize; Psychosomatische Schmerzen, ausgelöst durch seelische Leiden; Neuropathische Schmerzen; aufgrund von Schädigungen des Nervensystems; Viszerale Schmerzen, aufgrund von Erkrankungen der Organe; Akute Schmerzen, die von kurzer Dauer sind; Chronische Schmerzen, die Betroffene über Wochen oder sogar Jahre begleiten.
Schmerz ist immer individuell – und nie vollständig objektiv messbar
Dazu kommt: Schmerz ist etwas sehr Individuelles. Frauen sind grundsätzlich resistenter, wenn es um viszerale Schmerzen, ausgehend von inneren Organen, geht. Männer sind dafür weniger empfindlich, wenn es um Schmerzen geht, die durch äussere Reize ausgelöst werden. Nebst dem Geschlecht spielen etwa auch das soziale Umfeld oder die Kultur eine Rolle: «In Ländern mit geringer medizinischer Versorgung werden Schmerzen nicht behandelt – man hält sie einfach aus», erklärt Seidl.
100% messbar ist Schmerz nie. «Theoretisch könnte man bei Schmerzbetroffenen im Hirn die Aktivität gewisser Regionen nachweisen», sagt Hötschl, das Empfinden sei dann von Person zu Person aber auch wieder anders. «Am Schluss ist jeder und jede Profi für den eigenen Schmerz – und eigentlich die einzige Person, die qualifiziert ist, Angaben dazu zu machen.» Dass Patientinnen und Patienten ernst genommen werden, ist also zentral, gerade, wenn es um chronische Schmerzen geht.
Im Spital braucht es Konzepte – in der Gesellschaft Akzeptanz
«Eine Patientin hat mir mal gesagt, der chronische Schmerz sei wie ein schlechter Ehemann: Er ist immer da, er stört, und er verhindert, dass sie ihr Leben lebt, so wie sie will», erzählt Hötschl. Zur Anzahl chronischer Schmerzpatientinnen und -patienten in der Schweiz gibt es keine exakten Daten. Auf der Basis von europäischen Studien lässt sich ableiten, dass schätzungsweise 15-20 Prozent der Bevölkerung chronische Schmerzen haben, wobei unter anderem Frauen aber auch ältere Menschen häufiger betroffen sind. Ein Schmerz kann schon nach zwei Wochen als chronisch gelten. Bis jemand zum Spezialisten oder zur Spezialistin kommt, dauert es aber oft drei bis sogar fünf Jahre. Betroffene werden häufig nicht ernst genommen, von Fachperson zu Fachperson geschickt, bis ihnen effektiv geholfen wird. So zum Beispiel in der Schmerzsprechstunde im Bürgerspital.
«Bei der Schmerztherapie geht es in der Regel darum, ein Konzept zu erstellen», erklärt Seidl. Dabei ist interdisziplinäre Zusammenarbeit essenziell: So arbeiten an einem Fall etwa die Chirurgie, Ergotherapie und Physiotherapie zusammen, je nachdem, was der betroffenen Person hilft. Wichtig ist dabei auch, dass diese vom Umfeld gestützt wird. «Patienten mit chronischen Schmerzen sind Helden», betont Hötschl. «Man sieht es ihnen nicht an, aber der Schmerz verlangt ihnen täglich enorme mentale Stärke ab.» Abfällige Bemerkungen oder Unverständnis können den Druck, der ohnehin schon auf diesen Menschen lastet, zusätzlich erhöhen.
Schmerztherapie rentiert nicht – ist für Betroffene aber unbezahlbar
«Es gibt keine Schraube, die man drehen kann, und dann geht es jemandem wieder gut», sagt Seidl über die Behandlung von Schmerzen. Bis es eine Besserung einsetzt, braucht es mehrere Termine, und mehrere Fachpersonen, die zusammenarbeiten. Das kostet. «Schmerztherapie ist immer ein Draufzahlgeschäft», so Hötschl. Doch die Experten sehen darin eine unabdingbare Dienstleistung, die die soH in der Regel in Zusammenarbeit mit Hausärztinnen und Hausärzten erbringt, die bei Schmerzen meist die erste Anlaufstelle sind, und die die im Spital erarbeiteten Konzepte mit ihren Patientinnen und Patienten weiterführen.
Richtig zu teuer stehen komme es Betroffene, aber auch die Gesellschaft, wenn mit der Behandlung zu lange gewartet wird. Der Schmerz bringt dann einen Teufelskreis mit sich: soziale Isolation, Jobverlust, Schmerzmittelabhängigkeit, weitere körperliche Beschwerden – bis etwa ein reiner Luftzug im Raum Schmerzen auslösen kann. Deshalb sagt Seidl: «Früherkennung ist zentral». Die beiden Experten wünschen sich, dass darin investiert wird. Ziel der Patientinnen und Patienten sei am Schluss dann oft gar nicht, schmerzfrei zu leben, sondern einen Weg zu finden, wie der Schmerz tragbar wird im Alltag, sei das mit Medikamenten, Übungen aus der Physiotherapie, oder mentalen Übungen. Einig sind sich die beiden auch im folgenden Punkt: «Schmerz ist nicht unser Feind. Wenn wir einen Kampf gegen ihn führen, dann ist das einer, den wir nie gewinnen können.»
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