Die Alleskönnerin
Zuhören als wichtigstes Diagnoseinstrument
Der Patient, ein älterer Mann, sitzt auf der Liege. Hausärztin Dr. med. Grichting sieht sich seine Schienbeine an. Sie sind gerötet, leicht geschwollen und überwärmt. «Haben Sie eine Salbe zu Hause?», fragt sie den Mann. Er verneint. Also verschreibt sie ihm eine entzündungshemmende Creme. Ausserdem soll er die Beine regelmässig hochlagern und kühlen. Wenige Minuten später ist er schon wieder gegangen und Dr. med. Grichting sitzt an ihrem Pult in der Hausarztpraxis. «Schmerz ist eine ganz intelligente Konstruktion des Körpers», sagt sie. «Er ist ein Warnzeichen. Ist der Schmerz stark genug, reagiert der Mensch.» Als Hausärztin hat sie täglich mit den unterschiedlichsten Schmerzarten zu tun. Starken Schmerzen. Ungefährlichen Schmerzen. Psychischen Schmerzen. Es ist eine unglaubliche Fülle von Symptomen, Diagnosen und Behandlungen, mit denen sie sich auskennen muss. Wie schafft man das alles? Dr. med. Grichting lacht. «Ich muss nicht alles im Kopf haben. Ich muss nur wissen, wo ich nachschauen muss.»
Die Kunst der richtigen Triage
Diese Zeit bleibt freilich nicht immer. Umso wichtiger ist bei akuten Schmerzpatienten und -patientinnen die Triage. «Ich versuche, möglichst einfache Leitlinien im Kopf zu haben, um triagieren zu können», sagt sie. Ein Beispiel: Wird jemand mit Verdacht auf Herzinfarkt eingeliefert, kommt er oder sie sofort ins Notfallzimmer. Ein EKG wird gemacht, ein Bluttest, sicherheitshalber kann eine Infusion gelegt werden. Brustschmerzen, auffälliges EKG, auffällige Blutwerte: Sind zwei dieser drei Kriterien erfüllt, dann ist es ein Infarkt, sagt Dr. med. Grichting. Dann heisst es nur noch: ab ins Spital.
Wenn Standardtherapien nicht helfen
So akut gefährdet war ihr Patient mit den geröteten Beinen nicht. Seine Diagnose war bereits bekannt, als Dr. med. Grichting ihn vor einem Jahr übernahm: eine zuckerbedingte Polyneuropathie. Der Zucker im Blut zerstört Nervenzellen. Patientinnen und Patienten spüren ihre Füsse nicht mehr richtig, nur noch einen brennenden Schmerz. Keine Medikamente, keine Therapie hatten dem Mann in der Vergangenheit geholfen. Vor Schmerzen konnte er kaum noch schlafen.
Auch Dr. med. Grichting verzweifelte fast. Nichts, was sie versuchte, half ihm. So entschied sie schliesslich: zurück auf Feld eins. «Schmerzen zwingen den Arzt, über sein eigenes Fachgebiet hinauszudenken», sagt sie. Wenn man selber ausgeschossen ist, hat ein Berufskollege oder eine Berufskollegin vielleicht die rettende Idee. Sie schickte ihren Patienten nochmals zum Neurologen. Und tatsächlich: Dieser hatte von einer alternativen Behandlungsmethode gehört. Dabei wird Bienengift in die Beine gespritzt. Und das Brennen war weg. Einzige Nebenwirkung: gerötete Beine. Und dafür gibt es glücklicherweise Salben. «Wer heilt, hat Recht», sagt Dr. med. Grichting. Wenn alle Möglichkeiten der Schulmedizin ausgeschöpft sind, suche sie nach Alternativen ausserhalb davon. Hauptsache, es hilft den betroffenen Personen.
Zuhören als wichtigstes Diagnoseinstrument
Es sind allerdings einige wenige Ausnahmefälle, die so kreative Lösungen brauchen. Meistens geht es auch einfacher. Zumindest mit den richtigen Tricks. Mit einer ausführlichen Anamnese zum Beispiel. Also schlicht mit einem Befragen des Patienten oder der Patientin. «Ein Schmerzpatient sagt einem sehr genau, wo und wie schlimm es ist», sagt die Hausärztin. Nur ist die Zeit für Behandlungen eigentlich immer knapp. Ein verlockendes Mittel, um Zeit zu sparen: Während der Anamnese mit der Untersuchung zu beginnen. «Eine Arztkrankheit», wie Dr. med. Grichting sagt. Würden viele Ärzte ihren Patienten dann doch gar nicht mehr richtig zuhören.
Wenn Schmerzen psychische Ursachen haben
Zu diesen Tricks gehört auch eine ganzheitliche Betrachtung. Das heisst: nicht nur auf den Schmerz zu fokussieren. Sondern auch darauf, was dahintersteckt. Bei Schmerzen am Bewegungsapparat zum Beispiel fragt Dr. med. Grichting immer, was die Person beruflich macht. Arbeitet der Patient in einer Fabrik und macht täglich immer dieselben Bewegungen, ist oftmals klar, wo die Schmerzen herrühren. Auch nach Hobbys fragt Dr. med. Grichting. Und nicht zuletzt müssen Ärztinnen und Ärzte in Betracht ziehen, ob es sich bei den Schmerzen allenfalls um psychische Schmerzen handeln könnte. Dr. med. Grichting übernahm einmal eine Patientin mit Brustschmerzen. Immer wieder kam sie, doch auch nach mehreren Untersuchungen konnte nicht einmal der Kardiologe etwas finden. Bis Dr. med. Grichting schliesslich nachfragte, und tatsächlich: Die Frau hatte kürzlich ein Familienmitglied verloren. Die Verlustschmerzen hatten körperliche Schmerzen ausgelöst. «Es gibt Menschen, denen hat ein Verlust das Herz gebrochen, und die kommen aus dem Schmerz einfach nicht mehr raus», sagt sie.
Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig
Und was ist eigentlich mit harmlosen Schmerzen? Nervt sie sich über Patientinnen und Patienten, die wegen jeder Kleinigkeit den Hausarzt aufsuchen? Dr. med. Grichting schüttelt den Kopf. «Lieber sehe ich einen Patienten einmal zu viel als einmal zu wenig», sagt sie. Häufig steckt zwar nichts Ernstes dahinter. Doch manchmal verbirgt sich hinter vermeintlich harmlosen Beschwerden eine ernsthafte Erkrankung. Eine Gruppe von Personen gibt es allerdings doch, die Dr. med. Grichting nervt. Diejenigen, die gesund und munter mit einem Lächeln über Schmerzen klagen und ein Arztzeugnis verlangen. «Ich habe nicht Medizin studiert, um mich veräppeln zu lassen.»
Schmerztherapie bis zum Lebensende
Doch gleich darauf lenkt sie den Blick auf die andere Seite ihres Berufs – auf jene Momente, in denen Medizin weit mehr ist als Diagnostik und Therapie. «Schmerz begleitet uns nicht nur im Leben, sondern oft auch am Lebensende», sagt Dr. med. Grichting. «Gerade im Sterbeprozess ist eine gute Schmerztherapie von zentraler Bedeutung. Solange der Schmerz den Menschen immer wieder an seinen Körper zurückholt, fällt das Loslassen schwer. Eine gute Analgesie lindert deshalb nicht nur körperliches Leiden – sie schenkt Ruhe und Würde bis zum letzten Augenblick.»
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