Palliative Care

Schmerz vor Schluss

Die Geburt, der Beginn eines neuen Lebens, ist meistens schmerzhaft. Aber: Trifft das auch auf das Lebensende zu? Einblicke liefert Dr. med. Manuel Jungi, Leitender Arzt Palliative Care am Kantonsspital Olten und Präsident des Vereins palliative.so.

Herr Jungi, mit welchen Arten von Schmerzen haben Sie es täglich auf der Palliativstation zu tun?

Über alle Patientinnen und Patienten gesehen ist Schmerz eines der häufigsten Symptome. Dieser tritt in unterschiedlichen Formen auf: als körperlicher Schmerz, der durch Erkrankungen wie Krebs bedingt ist, oder als seelischer Schmerz, wenn jemand realisiert, dass das Lebensende näher rückt. Wir sprechen oft auch vom Konzept Total Pain. Das heisst, dass ein Schmerz so einnehmend ist, dass er nicht mehr nur mit Medikamenten behandelt werden kann.

Sie sprechen von Patientinnen und Patienten. Haben auch Angehörige Schmerzen?

Ja. Sie selbst leisten ja auch Palliative Care, indem sie Betroffene begleiten und die Situation mittragen. Das ist eine enorme Belastung, die tatsächlich auch psychische Schmerzen auslösen kann. Zudem kann sich auch Trauer als Schmerz äussern, wenn jemand stirbt.

Sie gehen all diese Schmerzen mit einem interdisziplinären Team an. Was heisst das genau?

Wir stellen den Schmerz nicht einfach mit einem Medikament ruhig. Medikamentöse Therapie ist ein Pfeiler in der Behandlung. Genauso wichtig ist aber psychologische Unterstützung. Wir suchen gemeinsam nach Strategien, um die Situation zu akzeptieren, mit dem Schmerz umzugehen, und Kontrolle über das eigene Leben zurückzugewinnen. Ebenso zentral ist die Physiotherapie, die Betroffene so instruiert, damit diese im Alltag möglichst schmerzfrei unterwegs sind oder zumindest keine zusätzlichen Beschwerden provozieren. Über den Stand der Behandlung tauschen wir uns im Team regelmässig aus. Da kommen die Bereiche Medizin, Psychologie, Seelsorge, Ernährung, Bewegung und Sozialberatung an einem Tisch zusammen.

Beim Schmerz kann man sich verschiedene Behandlungsziele setzen: Entweder strebt man Schmerzfreiheit an – etwa nach einer OP – oder man will den richtigen Umgang mit Schmerzen finden – etwa bei chronischen Schmerzen. Was trifft im Bereich Palliative Care zu?

Ziel ist bei uns klar nicht mehr die Heilung, sondern das Lindern von Schmerzen. Wenn körperliche Ursachen im Vordergrund stehen, ist aber auch eine Intervention (beispielsweise Infiltration) oder Operation nicht ausgeschlossen. Grundsätzlich ist das Ziel aber, den Fokus weg vom Schmerz zu lenken. Wenn jemand findet: Ich habe Schmerzen, aber ich kann mich bewegen, rausgehen, am Leben teilnehmen; dann haben wir viel erreicht.

Gehen Menschen auf das Lebensende hin anders mit Schmerzen um als in vorherigen Lebensabschnitten?

Da besteht sicherlich ein Unterschied zu Personen, die nach einen Beinbruch Schmerzen haben und wissen, dass diese absehbar sind. Viele unserer Patientinnen und Patienten haben oft über sehr lange Zeit Schmerzen. Und sie wissen auch, dass diese wohl nicht mehr verschwinden. Dieses Bewusstsein ist enorm wichtig. Oft melden sich Betroffene trotz Beschwerden nicht, weil sie niemandem zur Last fallen wollen. Damit wir die Behandlung optimieren können ist es für uns aber sehr wichtig zu wissen, ob jemand leidet, oder nicht. Wir wollen die verbleibende Lebenszeit möglichst schmerzarm gestalten. Wenn das jemand nicht versteht und Mühe hat, Hilfe anzunehmen, dann kann es ein Kampf sein bis zum Schluss.

Sie sprechen den Schluss an: Tut Sterben weh?

Sterben tut a priori nicht weh. Wir können aber nicht immer erreichen, dass jemand schmerzfrei sterben kann. Wenn jemand über längere Zeit von Schmerzen begleitet wurde, bleiben diese häufig bis zum Schluss. Wenn wir im Team den Schmerz aber angehen, können wir die Beschwerden auf ein gut erträgliches Mass einstellen. So, dass der Mensch zum Schluss die Kontrolle wieder zurückerhält.


Über palliative.so

Manuel Jungi ist auch Präsident des Vereins palliative.so. Der Verein bietet unter andrem eine Plattform für Fachpersonen, Freiwillige, Betroffene und Nahestehende im Kanton Solothurn. Sie stellt etwa hilfreiche Tools, Infos zu bevorstehenden Veranstaltungen, oder eine Hotline für Fragen rund ums Thema zur Verfügung. Mehr Infos finden Sie hier: https://www.palliative-so.ch/.


Foto: Tom Ulrich, fotomtina


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