Zahnschmerzen
«Das <Zahnbürstli> ist die günstigste Prävention»
Wahrscheinlich geht kaum ein Mensch gerne zum Zahnarzt. Einige haben sogar richtig Bammel vor dem Besuch. Dabei kommt es erst dann zu Furchterregendem, wenn wir nicht hingehen: Zahnschmerzen – oder Schlimmeres. Zahnärztin Dr. med. dent. Irina Hauert-Ilgenstein versucht ihren Patientinnen und Patienten die Angst zunehmen und gleichzeitig das Bewusstsein dafür zu schärfen, wie wichtig Zahngesundheit für den ganzen Körper ist.
Draussen im Gang ein Aquarium oder eine Zimmerpflanze, ein Tischchen mit Zeitschriften und Stühlen. Drinnen im Raum weisse Wände, weisse Ablagen, weisses Licht. Ein Fenster mit Innenjalousien. Und in der Mitte der grosse Stuhl. Grüner, blauer oder violetter Kunststoff, das Fussende mit Plastik bezogen. Darüber eine Lampe und ein Korpus, auf dem silberne Instrumente liegen. So haben wir wohl alle ein klares Bild von der zahnärztlichen Praxis; ein Ort, der kaum Glücksgefühle auslöst. «Ich weiss: Es kann unangenehm sein», sagt auch Zahnärztin Dr. med. dent. Irina Hauert-Ilgenstein in ihrer Praxis in der Solothurner Altstadt. «Man fühlt sich ja schon ziemlich ausgeliefert auf dem Stuhl.» Dabei ist das genau der Ort, wo noch viel Unangenehmeres behandelt oder sogar verhindert wird: Zahnschmerzen.
«Im Kopfbereich kommen so viele verschiedene Nerven zusammen, deshalb sind Schmerzen im Mund so unangenehm», weiss Hauert-Ilgenstein. Zahnschmerzen stören beim Essen und beim Schlafen, ignorieren oder ruhigstellen können wir sie praktisch nicht. Im Gegensatz zu anderen Schmerzen, bei denen man vielleicht mal abwartet oder ein Medikament nimmt, treiben sie Betroffene sehr schnell zur Fachperson – also in die Zahnarztpraxis.
Ohne Schmelz entsteht Schmerz
«Für Betroffene ist es oft schwierig zu sagen, was genau oder wo genau es weh tut», berichtet die Zahnärztin. Hinter den Schmerzen kann unter anderem beschädigter Zahnschmelz stecken. Das ist der natürliche Schutz unserer Zähne, in dem sich im Gegensatz zum Inneren der Zähne keine Nerven befinden. Wenn dieser stark zerstört ist, dann tut es weh. Das kann bei abgebrochenen Zähnen oder Löchern der Fall sein, wenn Karies (Bakterien) Zahnschmelz und Zähne angreift. Dann können aber auch freiliegende Zahnhälse Schmerzen verursachen oder das Zahnfleisch, das von übersehenen Essensresten irritiert wird. Auch Weisheitszähne, die gegen andere Zähne drücken oder noch teilweise von Zahnfleisch bedeckt sind, können zu Infekten und Schmerzen führen.
Die Expertin sieht oft auf den ersten Blick, wo das Problem liegt. Einen grossen Teil des zahnmedizinischen Spektrums deckt sie selbst ab: kariöse Zähne, infizierte Wurzelkanäle, irritiertes Zahnfleisch. In der Praxis arbeitet zudem eine Oralchirurgin, Dr. med. dent. Valérie Schmidt-Ziltener, die grössere Eingriffe, wie komplizierte Weisheitszahn-Operationen oder das Setzen von Implantaten durchführen kann. Ebenfalls werden bei gewissen Erkrankungen Biopsien im Bereich der Mundschleimhaut oder des Kiefers gemacht. «Viele unterschätzen die Bedeutung von Zahngesundheit für den ganzen Körper», sagt Hauert-Ilgenstein. Schnell kann es nämlich nicht mehr «nur» um Zahnweh gehen, sondern um weitaus schwerwiegendere Probleme.
Herzprobleme und Krebserkrankungen: Die Rolle der Zähne
Im Kopf- und Mundbereich befinden sich nicht nur viele Nerven, sondern auch Blutbahnen. Bei Verletzungen der Schleimhaut können Bakterien deshalb schnell einmal in den ganzen Körper bis zu den Organen verschleppt werden. «In unserem Mund haben wir einen kleinen Mikrokosmos an Bakterien», weiss Hauert-Ilgenstein. Unser Immunsystem hält die schlechten in Schach, aber schon, wenn wir gesundheitlich angeschlagen sind, können diese überhandnehmen. «Gerade bei Menschen mit Herzproblemen kann es katastrophal sein, wenn solche Bakterien in den Herzraum gelangen.» Deshalb wird vor jeder Behandlung die Frage nach Vorerkrankungen gestellt. Allenfalls gibt es in gewissen Fällen vor der Zahnreinigung bei Risikopatientinnen und -patienten sogar Antibiotika, damit Bakterien keine Chance haben.
Vom Mundraum aus gelangen nicht nur Bakterien in den ganzen Körper. «Auch Krebs kann von hier aus schnell streuen», erzählt die Zahnärztin. Deshalb werden in der Solothurner Praxis bei sämtlichen Patientinnen und Patienten die Mundschleimhäute auf Auffälligkeiten kontrolliert und im Zweifelsfall die vorhin erwähnten Biopsien gemacht. «Viele haben das Gefühl: <Es sind ja nur Zähne>. Oder: <Wenn nichts weh tut, ist alles in Ordnung>». Die Mundhygiene und regelmässige Kontrolle sei aber essenziell für den ganzen Körper. «Das <Zahnbürstli> ist die günstigste Prävention», sagt die Expertin (siehe auch Box: Kampf der Karies). Durch den regelmässigen Zahnarztbesuch können allfällige Probleme schon früh erkannt und behandelt werden, und nicht erst dann, wenn es richtig weh tut und teuer wird.
Sie sei sich bewusst, dass der Besuch in der Praxis für einige Überwindung brauche. «Vertrauen ist entscheidend», ist Hauert-Ilgenstein überzeugt. Sie versucht bei Behandlungen deshalb immer alles möglichst verständlich zu erklären, Patientinnen und Patienten Schritt für Schritt mitzunehmen. Sie bietet, gerade für Kinder, auch Kennenlern-Termine an, bei denen eine erste Angst genommen werden soll. Und wenn alle Stricke reissen, besteht in gewissen Situationen auch die Möglichkeit einer Narkose-Behandlung. Gerade bei starken Angstpatienten oder Kindern ist dies eine gute Alternative, um doch helfen zu können. Mit diesem empathischen Ansatz fährt die Zahnärztin gut. «Eine der schönsten Rückmeldungen ist für mich, wenn jemand nach dem Termin sagt: <Ach, das war ja gar nicht so schlimm.>»
Kampf der Karies:
- Risikofaktoren: Rauchen, Alkohol, Zucker, säurehaltige Lebensmittel oder gewisse Medikamente können unsere Mundflora aus dem Gleichgewicht bringen und Zahnschmelz und Zähne angreifen. Der Konsum macht uns anfälliger für Zahnschmerzen aber auch Schleimhautbeschwerden. Am besten also darauf verzichten, beziehungsweise in gesundem Masse geniessen.
- Schutzfaktoren: Ob mit einer Handbürste oder einer elektrischen, ist sekundär und bei jedem und jeder individuell, die Hauptsache ist: Zähne putzen, zwei- bis dreimal täglich für je mindestens zwei Minuten. Mit Zahnseide oder Interdentalraumbürsteli können Speisereste zwischen den Zähnen entfernt werden. Eine Zahnpasta mit Fluorid schützt den Zahnschmelz. Weissmacherzahnpasta dahingegen ist oft zu aggressiv. Am besten den RDA-Wert auf der Packung beachten, dieser sollte bei 50 liegen.
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