Endometriose
Da muss Frau nicht durch
Dieser Schmerz scheint aktuell in aller Munde: Endometriose. Vor ein paar Jahren war das noch anders. Für viele Frauen bedeutet die Erkrankung deshalb auch heute noch einen jahrelangen Leidensweg. Doch es tut sich etwas.
Sie haben solche Aussagen wahrscheinlich auch schon gehört – direkt an Sie gerichtet, oder vielleicht hat die Partnerin oder eine Freundin davon erzählt: «Mensschmerzen? Ja, das tut halt weh. Da muss man durch.» Dass solche Sprüche verbreitet sind, weiss auch PD Dr. med. Stefan Mohr, Chefarzt der Frauenklinik am Bürgerspital Solothurn. Er vertritt da aber einen ganz anderen Standpunkt: «Wenn eine Frau sagt, dass sie Schmerzen hat, dass es nicht mehr geht, dann muss eine Lösung her.»
Endometriose in Kürze
Bei einer Endometriose bilden sich sogenannte Endometrioseherde. Das sind Zellen der Gebärmutterschleimhaut, die sich ausserhalb der Gebärmutter ansiedeln. Mit dem Zyklus werden auch diese auf- und abgebaut. Anders als diejenigen in der Gebärmutter können sie aber nicht mit der Regelblutung ausgestossen werden, weshalb es schmerzhafte Mini-Menstruationen an diesen Orten, Entzündungen und Verwachsungen geben kann. Bis zu einer Diagnose dauert es im Schnitt 7-10 Jahre. Betroffen sind 10 Prozent aller Frauen, vor allem jüngere zwischen 15 und 45 Jahren und Endometriose tritt bei bis zu 50% der Frauen auf, die trotz Kinderwunsch nicht schwanger werden.
Es spielt dabei auch keine Rolle, ob jemand Endometriose oder normale Mensschmerzen hat. Wobei: «Den Begriff <normale> Schmerzen finde ich kritisch.» Auch in Bezug auf die Monatsblutung ist der Schmerz nämlich etwas sehr Individuelles, genauso wie die Einschränkungen, die er mit sich bringt.
Behandlung: erfolgsversprechend
So können auch bei der Regelblutung nebst Unterleibsschmerzen diverse weitere Symptome hinzukommen, wie etwa Brustspannen, Rückenschmerzen oder Durchfall. Bei einer Endometriose sind die drei häufigsten Symptome nebst den Mensschmerzen laut Mohr: Schmerzen beim Wasserlösen, beim Stuhlgang, beim Geschlechtsverkehr, wobei diese je nach Frau unterschiedlich stark und in unterschiedlichen Kombinationen auftreten können. In seltenen Fällen kann es durch die Endometriose sogar beim Atmen wehtun, wenn sich die Herde beim Zwerchfell angesiedelt haben. So oder so, der springende Punkt ist wie erwähnt: Wenn es für die Frau nicht mehr tragbar ist, muss eine Lösung her.
Hier gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. «Die meisten Frauen sind gut informiert und aktiv, haben schon viel ausprobiert und wissen, was ihnen guttut», berichtet der Chefarzt. Das reicht von Yoga, über Schmerzmittel oder Wärmepflaster, bis hin zur Physiotherapie oder psychotherapeutischer Unterstützung. Bei einer Endometriose ist zudem die hormonelle Therapie oft wirksam. Dadurch wird die Schleimhaut während des Zyklus nämlich gar nicht erst aufgebaut, die Endometrioseherde werden quasi ausgebrannt. Eine andere, manchmal auch ergänzende, Möglichkeit ist die Operation, bei der die Herde herausgeschnitten werden. Eine Behandlung, egal auf welche Art, kann heutzutage in den meisten Fällen Abhilfe schaffen. Bis dahin bedeutet die Endometriose für viele Frauen aber einen jahrelangen Leidensweg.
Diagnose: schwierig
«Was die Ursachenfindung der Endometriose angeht, hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht viel getan», berichtet Mohr über die Forschung in Bezug auf die Erkrankung. So gibt es einerseits noch keine Antwort auf die Frage, wie Endometriose überhaupt entsteht. Gleichzeitig gibt es noch kein Wundermittel für die Diagnose, weshalb es für die meisten Betroffenen jahrelang von Spezialist zu Spezialistin geht, ohne dass sie eine Erklärung für ihr Leiden finden. «Endometriose sind chronische Schmerzen», stellt der Chefarzt klar. Viele Betroffene sind entsprechend auch psychisch angeschlagen oder regelrecht verzweifelt, weil sie eben keine Antworten erhalten oder im schlimmsten Fall nicht ernst genommen werden. Eine Diagnose kann dann erfolgen, wenn jemand sehr gut auf Hormone anspricht, oder etwa durch Ultraschall, Magnetresonanz-Tomographie (MRI/MRT) oder Bauchspiegelungen. Aber halt nicht immer. Und weil die Forschung in dem Gebiet so jung ist, gibt es zwar Ansätze wie den Endotest – einen Speicheltest, der Endometriose nachweisen soll. Auch hier ist aber die Aussagekraft begrenzt.
Gleichzeitig zeigt dieser Test ein Stück weit: Es tut sich etwas in dem Bereich. So gibt es etwa Berichte des Bundesamts für Gesundheit, in denen es klar heisst, dass die Endometriose ungenügend untersucht ist und dass Förderbedarf besteht. Im Schweizer Parlament sind zudem schon verschiedene Vorstösse zum Thema eingereicht worden. Es gibt also Lücken und klaren Nachholbedarf. Genau dies wird aber immer sichtbarer, sodass sich auch etwas verändern kann. Das bestätigt auch Mohr. «Endometriose ist aktuell in aller Munde. Heute kommen einige Frauen von sich aus mit dem entsprechenden Verdacht zu uns. Noch vor ein paar Jahren war das nicht der Fall. Und auch die Selbsthilfegruppen sind sehr aktiv und hilfreich geworden!»
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