Einblick in die Palliativstation
LEBENSENDE

Wie sich die Sprache verändern kann

Die Sprache der Sterbenden verändert sich. Für Angehörige kann es schwierig sein, diese Veränderung zu akzeptieren und die ungewohnten Worte des vertrauten Menschen richtig einzuordnen.

«Ich komme gerade aus dem Wald», sagt die sterbenskranke Frau, «ich habe etwas gesucht». Natürlich lag die Patientin die ganze Zeit in ihrem Bett und doch war sie in ihrem Inneren woanders. «Ich weiss nicht, ob ich hier in diesen Raum gehöre oder in den anderen», sinniert der Schwerkranke.

Manche Menschen können in der Nähe des Todes, in ihren letzten Wochen und Tagen «noch hier» und zugleich «schon woanders» sein. Ihre Welt scheint «verrückt». Andere wieder sind bis zuletzt bei klarem Bewusstsein oder dämmern nur noch vor sich hin.

Es ist schwer für die Umstehenden, den vertrauten Menschen so verändert und unverständlich zu erleben. Sie möchten am liebsten den Kranken aus seiner Welt herausführen. Wir neigen dann zu Appellen an die Vernunft: «Das hast du nur geträumt». Oder wir machen uns über die Aussagen des Patienten lustig, wollen seine Gedanken und Gefühle verscheuchen oder überhören die «peinlichen» Ideen. Dabei übersehen wir, dass Sterbende dann einer inneren Wahrheit ausgeliefert sind, die für Aussenstehende nur schwer zu verstehen ist.

Bei Menschen in Krisenzuständen ist die logische Aufteilung der Welt in «innen/aussen», «hier/dort», «ich/du», die wir in früher Kindheit auch erst lernen mussten, gelockert, die Kontrolle ist ausgeschaltet, ohne den üblichen Filter der Höflichkeit, der Logik, des Schutzes der Intimität. Sie erkennen nicht, dass ihr inneres Erleben nicht der Aussenwirklichkeit entspricht. Es ist also sinnlos, sie erziehen und der Unwirklichkeit überführen zu wollen. Im Gegenteil: Patienten haben das Recht auf ihr Erleben, ihre vermeintlich verrückten Bilder. Und: Sie sind darauf angewiesen, mit ihren Bildern ernstgenommen zu werden.

Natürlich ist das bei «schönen» Bildern («… war gerade im Wald»; «… habe mit meinem Bruder gesprochen» – der schon lange verstorben ist) leichter als bei Bildern, die vom Sterben symbolisch, aber deutlich sprechen: «Die Koffer sind gepackt», «Ich will jetzt heim», «Ich habe meinen Sarg stehen sehen». Solche Aussagen werden oft zu schnell als «Verwirrung» und damit als wertlos gedeutet.

Nochmals schwieriger sind mystische Visionen oder Gedanken voller Angst, die sich wie Alpträume anhören, aus denen der Patient nicht auszusteigen vermag («Die Vögel fliegen hier überall herum, die machen alles durcheinander. – Und dann ziehen die und ziehen.» – Wer? Die schon Verstorbenen der Familie? Oder böse Geister? – «Ich bin im Feuerofen, da brennt alles.»). Gerade im Familienkreis ist es oft besonders erschreckend, den Vater, die Mutter, den Sohn so verändert zu erleben. Die geliebte Person möchte man doch «normal» haben, man möchte mit ihr wichtige Gedanken austauschen und ihr Sterben in guter Erinnerung behalten. Die Konsequenz besteht dann häufig darin, dass der Kranke in seinem Alptraum gefangen bleibt. Daher ist es wichtig, dass Helferinnen und Helfer von ausserhalb der Familie dem Sterbenden begegnen. Sie können dessen Erleben «leichter» zulassen, begleiten und zu den nächsten Verwandten hin vermitteln.

In dieser Situation kommt es darauf an, sich auf die Gedanken und Gefühle des Kranken einzulassen und ihm zu helfen, sich auszudrücken, z.B. durch «aktives Zuhören» oder durch verstehende Wiederholung seiner Äusserungen. Moralische Wertungen und populärpsychologische Symboldeutungen helfen dem Patienten nicht. Wir wissen heute, dass manches fremdartige Erleben des Patienten auch physiologisch, rein medizinisch zustande kommt, z.B. durch Fehlleitungen im Gehirn.

Lassen Sie sich auf die Gedanken des Patienten ein wie auf das Spiel eines Kindes. Wenn man die Ideen und «Phantasien» sich entfalten lässt, werden auch bedrohliche Inhalte und Gefühle darin nicht etwa schlimmer und dramatischer, sondern der Gefühlsstrom und Stress im Patienten lässt eher nach. Also ruhig auf die Gefühle eingehen: «und wie ist das? »; «und das macht Angst?»; «ist das schön?»; «ja, die sind schlimm». Oft steckt in den Erlebnisbildern des Patienten (den Engeln; den dunklen Gestalten; «meiner Mutter»; «der Oma» etc.) ein hilfreiches Potential, das der Begleiter aufgreifen und bestärken kann. Offensichtlich ist das Sterben nicht nur einsam. Die Patienten haben auch innere Helfer!

Die Umstehenden, die Begleiter, sie müssen nicht alles verstehen und deuten können. Wichtiger ist «die Sprache der Beziehung, des Daseins». Gesten, Berührungen, ein «Ja-Ja», wie man den Patienten bettet, wie man kommt oder geht – das alles «sagt» oft mehr als inhaltsreiche Worte. Die «Seele» hört und versteht, wie es gemeint ist, auch wenn der Kopf es nicht wie gewohnt verarbeiten kann. Auch Töne, Gerüche, Haltungen, sogar Schweigen (wenn es nicht eine blockierte, von Angst bestimmte Sprachlosigkeit ist), die Schwingung in der Stimme, der Zuspruch, der Blickkontakt kommen im Innern des geliebten Menschen an, davon dürfen wir ausgehen.

So enthalten auch Rituale – kleine und grosse – wie das Kreuzzeichen auf die Stirn, das Anzünden einer Kerze oder ein Stossgebet bis hin zur Krankensalbung eine Sinngebung, ohne dass es des logischen und genauen Besprechens der Situation bedarf. Eigentlich ist das Schwere, wenn man es einfach gelten lässt und man den Patienten nicht «irgend-wohin-kriegen» will, ganz leicht.


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