Die Teilnehmerinnen imitieren die Bewegungen der Leiterin
KREBSSPORTGRUPPE

Mit Schweiss dem Krebs die Stirn bieten

Bereits seit Jahren schweisst eine Krebssportgruppe am Bürgerspital in Solothurn brustkrebsbetroffene Frauen zusammen. Mit regelmässigem Training vermindern sie ihr Rückfallrisiko und steigern ihre Lebensqualität. Über die Krebsliga findet man in allen Landesteilen entsprechende Krebssportkurse.

Cindy Lauper mit ihrem Song «Girls just want to have fun» dringt laut aus den Boxen in der kleinen Turnhalle vom Bürgerspital Solothurn. Dazu machen die Frauen einen Ausfallschritt und strecken den rechten Arm mit der geballten Faust nach vorne und ziehen ihn im Takt der Musik schnell wieder zurück. Die Stimmung unter ihnen ist gut, aber nur zum «Fun», wie Cindy Lauper singt, sind sie nicht da. Sie sind alle von Brustkrebsbetroffen und wollen sich und ihrem Körper mit Bewegung etwas Gutes tun. «In dieser Gruppe weiss ich: Ich bin nicht alleine, wir sind füreinander da», sagt Germaine Burri. Ihre Diagnose liegt zweieinhalb Jahre zurück. Auch wenn alle das gleiche Schicksal teilen, so müsse man nicht unbedingt über die Krankheit reden. Das könne jede Frau selber entscheiden. Manche kämen für Gespräche extra früher zum Training, andere wollen nur Sport machen, erklärt die 52-Jährige. Die Altersunterschiede sind gross: Die jüngsten Teilnehmerinnen sind gerade mal 20; die älteste Frau ist 80 Jahre alt. Manche haben die Therapie schon länger hinter sich gelassen, andere stecken noch mitten drin. Trotz dieser Unterschiede verbindet sie ein gemeinsames Ziel: Jeden Dienstagabend mit Schweiss dem Krebs die Stirn zu bieten.

Für Sport ist es nie zu spät

In der Schweiz formieren sich laufend neue Sportgruppen für verschiedenste Krebsarten (siehe Kasten). Den Kurs in Solothurn gibt es schon länger, er existiert seit sieben Jahren. Zwischen 30 und 40 Frauen trainieren dort regelmässig; unter ihnen sind sogar 10 Frauen, welche bereits seit den Anfängen mit dabei sind. «Dass diese Idee auf so viel Interesse stösst und sich der Kurs mit den Jahren richtig etabliert hat, hätte ich nicht für möglich gehalten», sagt die Initiantin Franziska Maurer, Chefärztin der Frauenklinik Bürgerspital. Für sie war es wichtig, ein Training im Brustzentrum anzubieten, welches den Puls in die Höhetreibt: «Studien zeigen, dass bei körperlicher Betätigung das Risiko für mögliche Krankheits- und Behandlungsfolgen sinkt. Wenn wir das auf den Brustkrebs beziehen, kann je nach Typus von Karzinom das Risiko eines Rezidivs mit regelmässigem Sport bis zu 50 Prozent reduziert werden», so die Ärztin. In den Sprechstunden begegne sie Frauen, die 60 Jahre lang keinen Sport gemacht hätten und dann fragen: Soll ich jetzt tatsächlich noch damit anfangen? Franziska Maurer sagt in solchen Momenten ganz klar: «Ja, Sport kann auch in diesen Fällen vieles bewirken.»

Laut Maurer wird mit körperlicher Aktivität die ganze Brustkrebsbehandlung verträglicher. Es gibt weniger Abbrüche bei der Chemotherapie, die Aktivität stärkt das Immunsystem und verbessert generell die Lebensqualität der Frauen. Bei hormonpositivem Brustkrebs sei es zudem wichtig, Körperfett zu reduzieren. Auch dafür sei das intensive Training ideal, so Maurer.

Mit Fäusten gegen den Krebs

Das Training, welches für die betroffenen Frauen angeboten wird, heisst Tae Bo. Es ist eine Kampfsportart gemischt mit Fitnesselementen, welche ursprünglich aus den USA stammt. Diese Form von Bewegung und Sport habe verschiedene positive Effekte, erklärt Chefärztin Maurer: «Koordinationsübungen wirken sich positiv auf unser Gedächtnis aus, und die Mobilisation des operierten Oberkörpers zeigt ebenfalls erfreuliche Resultate.» Seit fünf Jahren ist die 61-jährige Ursula Heer dabei. Das Training sei schon sehr anstrengend, gibt sie augenzwinkernd zu: «Es fordert mich richtig heraus und am Anfang dachte ich, das stehe ich nicht durch.» Inzwischen ist das Training aber zu einem wichtigen Bestandteil in ihrem Leben geworden. «Der Dienstagabend hat für mich auch etwas Symbolisches. Ich kämpfe mit meinen Fäusten gegen den Krebs.» Diese Gedanken würden sie mental unterstützen, sagt sie.

Was die Gruppe zusammenhält

Ein Faktor für den langjährigen Erfolg dieser Gruppe sind die Frauen selber, welche zusammenhalten und langfristig ein gemeinsames Ziel verfolgen. Aber auch die Instruktorin Véronique Dal Maso trägt dazu bei, dass die Betroffenen zum Teil auch noch nach Jahren motiviert sind, ins Training zu kommen. Petra Berner, welche seit rund vier Jahren mitmacht, meint: «Véronique treibt uns mit viel Power und mit einer gesunden Portion Humor an. Sie hält die Gruppe zusammen.» Solche Komplimente hört Véronique Dal Maso gern, denn für sie ist diese Trainingsgruppe eine Herzensangelegenheit: «Ich staune immer wieder, wie motiviert die Frauen zum Training kommen. In ihrer Situation gäbe es ja sicherlich oft einen Grund zum Klagen. Aber sie sind ausnahmslos sehr positiv eingestellt und kommen mit viel Power in die Stunde», sagt die Tae-Bo-Instruktorin. Die Musik wird langsamer. Die Temperatur in der Halle ist merklich gestiegen. Auf der Stirn von Germaine Burri sind Schweissperlen zu sehen: «In einem normalen Fitnessstudio sehen alle so perfekt aus. Da würde ich mich nicht richtig wohlfühlen. Das ist hier anders; ich fühle mich von der Gruppe getragen und kann gestärkt nach vorne schauen, ohne das Vergangene zu vergessen», sagt sie.

Marathon muss niemand machen

Es gibt viele Krebsbetroffene, die zu gebrechlich sind, um ein Fitnesstraining wie dieses in Solothurn zu absolvieren. Jede körperliche Aktivität könne individuell angepasst werden, meint Franziska Maurer. «Es gibt diverse Studien über Sport, die sagen, dass eine Frau nicht wie eine Wahnsinnige trainieren muss, sondern die Bewegung auch in den Tagesablauf einfliessen lassen kann. 5 Mal pro Woche 30 Minuten lang den Puls schneller werden lassen. Zum Beispiel die letzte Busstation zu Fuss machen oder auf den Lift verzichten.» Laut Maurer müsse niemand zur Marathonläuferin werden. «Wir wollen den Frauen nur zeigen, dass sie mit Sport selber etwas gegen den Krebs unternehmen können.»

 

Dieser Beitrag erschien im Magazin aspect der Krebsliga.


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