INTERVIEW MIT DR. MED. TOBIAS HEINRICH

«Es gibt mehrere Therapieformen»

Dr. med. Tobias Heinrich, Chefarzt Urologie am Kantonsspital Olten, über das Prostatakarzinom, die Früherkennung, Behandlungsmöglichkeiten sowie die Auswirkungen auf den Alltag der Patienten.

Tobias Heinrich, wie macht sich das Prostatakarzinom bemerkbar?

Initial leider gar nicht, 95 bis 98% aller Prostatakarzinome finden wir heute durch eine gezielte Vorsorge. Patienten sollten ab dem 50, spätestens aber ab dem 55. Lebensjahr, regelmässig zum Check-up gehen. Bei Patienten mit einer positiven Familienvorgeschichte (Vater, Onkel oder Opa mit Prostatakarzinom) sollte die Vorsorge ab dem 45. Lebensjahr starten. Hierbei wird der Patient körperlich und mittels Ultraschall durchgecheckt und man nimmt ihm Blut und Urin ab, beides wird im Labor weiter untersucht. Häufig ist das erste Anzeichen, dass etwas nicht in Ordnung ist, ein erhöhter PSA-Wert. Wenn dieses Prostata-spezifische Antigen (PSA) einen Wert von 4 überschreitet, sollte man zumindest hellhörig werden.

Was passiert danach?

Wenn sich der PSA-Wert bestätigt, wird die Prostata von einer Fachperson manuell getastet. Wobei diese Untersuchung heutzutage gar nicht mehr im Vordergrund steht. Patienten mit PSA-Erhöhung bekommen eine Kernspintomographie der Prostata, in der wir sehr feine Veränderungen erkennen können. Diese helfen uns dann wiederum, eine Probe aus der Prostata zu gewinnen. Der Trend geht dahin, dass man die Prostata nur noch gezielt in den auffälligen Bereichen biopsiert. Unter Ultraschallkontrolle werden Proben entnommen und feingeweblich untersucht. Dieses Vorgehen minimiert Schäden und Risiko für den Patienten und weist ein höheres Detektions-Potenzial auf. Damit lässt sich häufig gezielt eine Diagnose stellen oder auch ausschliessen.

Inwiefern spielt die Gutartigkeit des Tumors und das Alter des Patienten eine Rolle?

Das Prostatakarzinom ist immer bösartig. Ein Prostatakarzinom, welches wir zufällig bei einem Patienten ab dem 80. Lebensjahr finden, kann man als ungefährlich einstufen. Denn in diesem Alter wird die Biologie des Patienten insgesamt langsamer, das heisst, der Krebs wächst nur noch sehr langsam.

Bei jungen Patienten macht ein Prostatakarzinom häufig Probleme und sollte somit behandelt werden. Aber auch hier hilft uns die Biopsie. Mit ihr können wir feststellen, ob es sich um ein Niedrigrisiko-Karzinom (mit niedriger biologischer Aktivität) handelt. In diesem Fall kann man Patienten guten Gewissens raten, nur die Biologie bzw. das Wachstum zu beobachten. Bei mittel- oder hochriskanten Karzinomen muss man behandeln.

Es gibt mehrere Therapieformen mit einem heilenden Ansatz: Patienten mit einem guten Allgemeinzustand wird eine operative Entfernung der Prostata empfohlen. Der Eingriff wird heutzutage bevorzugt mithilfe eines Roboters durchgeführt. Man kann aber auch weiterhin mit einem kleinen Unterbauchschnitt operieren. Alternativ dazu gibt es die Bestrahlung von außen. In ausgesuchten Fällen (diese Behandlungsart ist jedoch nicht für jeden Patienten zugänglich) wird die Prostata auch von innen bestrahlt. Hierzu werden kleine radioaktive Körnchen (Seeds) in die Prostata implantiert (Brachytherapie).

Welches sind Auswirkungen auf das Leben der Patienten? Gibt es Unterschiede in Bezug auf die verschiedenen Behandlungsoptionen?

Wir hätten gerne Unterschiede bei der Bestrahlung und bei der Operation. Leider zeigen aber die Langzeitdaten ganz klar, dass es keine relevanten Unterschiede gibt. Was sich unterscheidet ist jedoch der Zeitpunkt der Nebenwirkungen. Wenn wir operieren, treten die Nebenwirkungen sofort auf. Mögliche Folgen sind Inkontinenz (das Unvermögen, den Urin zu halten) und das Versagen der sexuellen Potenz. Wenn die Strukturen durch die Operation gestört oder im schlimmsten Falle zerstört werden, kommt dies sofort zum Erliegen. Die Funktionen können aber durch ein Rehabilitationsprogramm wieder, teilweise oder ganz, zurückkommen.

Bei der Bestrahlung wird häufig damit geworben, dass diese Nebenwirkungen nicht auftreten. Das ist aber so nicht ganz korrekt: Sie treten meist nur später auf. Nämlich dann, wenn der strahlenbedingte Umbauprozess in den Organen abgeschlossen ist. Denn dann nehmen die Nerven und Gefässe in einem narbigen Umbauprozess Schaden. Auch bei der Bestrahlung bleibt die Kontinenz meist vollständig bestehen. Die Häufigkeit der Impotenz ist ebenso identisch. Sie kommt bei 60 bis 80 % der Bestrahlungs-Patienten zum Erliegen.

Wie lange dauert ein solcher Rehabilitationsprozess?

Wir sagen den Patienten, sie müssen zwischen drei bis sechs Monate rechnen, bis wirklich wieder alles funktioniert. Die Kontinenz kommt heute bei 90%-95% der Patienten zurück, sie ist daher ein untergeordnetes Problem. Für Patienten, die hochgradig Urin verlieren, gibt es weitere unterstützende Maßnahmen. Die meisten sind wiederrum operativ, aber es gibt sie. Es muss also niemand dauerhaft auf Hilfen wie etwa Windeln angewiesen sein.

Die Potenz, also das Sexuelle, ist immer noch ein grösseres Problem. Die Funktion kommt bei 60% bis 80 Prozent der Patienten zum Erliegen, da die Nerven und Gefäße, welche die Erektion des Penis ermöglichen, gestört werden. Jedoch sind einige Patienten aufgrund des fortgeschrittenen Alters schon vor der Operation nicht mehr hundertprozentig potent. Die psychische Belastung der Diagnose führt häufig bereits vor der Operation dazu, dass die Potenz zum Erliegen kommt.

Wie gehen die Patienten in ihrer Erfahrung damit um? Ist das ein Tabuthema?

Nein, ein Tabuthema ist es nicht. Ich kann es nur aus meiner Sprechstunde und aus der Sprechstunde meiner Mitarbeitenden sagen: Wir thematisieren das offen, fragen den Patienten danach und bieten Ihnen Unterstützung an. Wenn es dort zu Problemen kommt, können Sie offen mit uns darüber sprechen. Viele der Patienten arrangieren sich mit dem Problem, zumindest wenn es um die sexuelle Funktion geht. Weil sie sagen: “Ok, ich bin geheilt. Und dann fällt das halt weg, aber das ist für mich in Ordnung”.

Wenn es für die Patienten nicht in Ordnung ist, dann haben wir Möglichkeiten. Wir versuchen zunächst mit Tabletten die Funktion zu verbessern. Desweiteren gibt es Medikamente, welche die Durchblutung direkt in den Schwellkörpern steigern. Diese können die Patienten, nach Anleitung, direkt in den Penis injizieren. Falls diese Option ebenso entfällt, gibt es die Vakuumpumpe. Reissen wirklich alle Stricke, kann eine Penisprothese implantiert werden. Es ist jedoch eher selten, dass sich Patienten bis in die letzten zwei Stufen behandeln lassen. Die meisten arrangieren sich vorher damit. Die Partner*innen sind übrigens in der Regel relativ offen für die Thematik.

Werden die Partner*innen aktiv bei der Aufklärung miteinbezogen?

Wenn der Patient das wünscht, ja. Es gibt jedoch keine Verpflichtung, dass man Lebens- oder Ehepartner*innen miteinbezieht. Ich empfehle den Patienten immer, die Thematik mit ihnen zu besprechen. Wenn der Wunsch besteht, gibt es auch ein Gespräch zu dritt. Ganz wichtig ist: Wir informieren die Patienten, dass ihre Söhne unter Umständen ein erhöhtes Risiko haben, selbst daran zu erkranken. Bestimmte Mutationen des Prostatakarzinoms sind vererbbar. In diesem Fall hat der Sohn ein erhöhtes Risiko und muss vorzeitig zur Vorsorge gehen. Nicht erst ab dem 50. Lebensjahr, sondern schon ab 45. Wird das Karzinom früh erkannt, kann man entsprechend früh handeln. Je weniger Tumorvolumen da ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man es heilend behandeln kann.

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